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KESB: «Wir wollen wieder nahbarer werden»

Früher entschieden oft Gemeinderäte über Beistandschaften, heute sind es Fachbehörden. Mit der KESB kam die Professionalisierung – doch nun zeigt sich eine Gegenbewegung: Die Behörde will wieder vermehrt auf private Beistandspersonen setzen. Wieso?

Chantal Bossard

Wer an die KESB denkt, denkt oft an schwierige Fälle. An Konflikte, Gefährdungsmeldungen und behördliche Entscheide. Weniger bekannt ist: Hinter vielen Beistandschaften stehen Menschen, die ihre Post nicht mehr verstehen. Die vergessen, Rechnungen zu bezahlen. Die im Altersheim wohnen und niemanden haben, der sich um ihre administrativen Angelegenheiten kümmert. Oder Angehörige, die irgendwann merken: Alleine schaffe ich das nicht mehr. Und künftig sollen dabei im Luzerner Hinterland und Wiggertal wieder vermehrt Privatpersonen helfen. Mit der neu geschaffenen Fachstelle für private Beistandspersonen will die KESB Willisau-Wiggertal Menschen aus der Bevölkerung für diese Aufgabe gewinnen. Seit Mai baut Alex Zwiker die Stelle in einem 40-Prozent-Pensum auf. Unterstützt wird das Vorhaben von KESB-Präsidentin Caroline Zürcher, die seit Juni 2024 an der Spitze der Behörde steht und zuvor unter anderem einen Spruchkörper der KESB Birstal im Kanton Baselland präsidierte. Dass die KESB überhaupt gezielt nach privaten Beistandspersonen sucht, hat mehrere Gründe. Einer davon liegt in einer Entwicklung, die vor über einem Jahrzehnt begann.

Von der Dorfangelegenheit zur Fachbehörde

Bis Ende 2012 waren die kommunalen Vormundschaftsbehörden für den Kindes- und Erwachsenenschutz zuständig. Oft entschieden Gemeinderäte oder lokale Kommissionen über Beistandschaften und andere Schutzmassnahmen. Mit der Einführung des neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrechts wurden diese Behörden 2013 durch die KESB ersetzt. Ziel war eine stärkere Professionalisierung. «Mit der Reform wurden viele Aufgaben vermehrt an Fachpersonen übertragen», erklärt Caroline Zürcher. Und das habe durchaus Vorteile gebracht, schliesslich seien die Fälle komplexer geworden, die rechtlichen Anforderungen gestiegen. Gleichzeitig habe sich aber eine andere Entwicklung ergeben: Private Beistandspersonen seien vielerorts zunehmend in den Hintergrund gerückt. Als Zürcher vor zwei Jahren ihre Stelle in Willisau antrat, fiel ihr genau das auf. «Wir haben in unserer Region vergleichsweise wenige private Beistandspersonen.» Rund 250 seien derzeit im Einsatz. Die meisten übernehmen dabei ein Mandat für Angehörige oder Menschen aus ihrem nahen Umfeld. Für Zürcher steckt darin ungenutztes Potenzial.

Fachpersonen geraten an Grenzen

Hinzu kommt ein zweiter Grund: Die Berufsbeistände sind stark ausgelastet. Heute führt eine Fachperson bei der KESB Willisau-Wiggertal maximal 60 aktive laufende Fälle für Erwachsene oder bei Kindern maximal 50 laufende Fälle. «Gleichzeitig werden die Probleme vielfältiger und komplexer», sagt Zürcher. Oft seien zahlreiche Abklärungen nötig. Häufig gehe es um psychische Erkrankungen, schwierige Familiensituationen oder komplexe soziale Fragestellungen. Für solche Fälle brauche es weiterhin Fachpersonen. Daneben gebe es jedoch zahlreiche Mandate, die weniger komplex seien: Etwa bei älteren Menschen mit Demenz oder Personen mit einer Behinderung, die Unterstützung bei administrativen oder finanziellen Angelegenheiten benötigen. Genau dort sieht Caroline Zürcher künftig vermehrt private Beistandspersonen im Einsatz. «Um die Situation bei den Berufsbeiständinnen und -beiständen zu entschärfen», sagt Zürcher.

Zurück zu den Wurzeln – aber nicht zurück in die Vergangenheit

Ganz zurückdrehen will die KESB die Entwicklung allerdings nicht. «Niemand will zurück zu einem System, in dem Privatpersonen ohne Begleitung und Unterstützung anspruchsvolle Mandate führen», sagt Alex Zwiker. Er ist der Mann hinter einer neuen Fachstelle, die eigens für private Beistandspersonen geschaffen wurde, und soll dafür sorgen, dass diese nicht auf sich allein gestellt sind. Seine Aufgabe beginnt bereits bei der Rekrutierung. Er führt Kennenlerngespräche, prüft die Eignung der Interessierten und organisiert Schulungen. Später begleitet er die Beistandspersonen während ihrer Tätigkeit. «Meine Aufgabe ist es, Sparringpartner und Vermittler zu sein», sagt Zwiker. Acht Interessierte haben sich bereits gemeldet – aber gemäss Zürcher und Zwiker dürften es gerne noch um einige mehr werden. In der Regel übernimmt eine private Beistandsperson später zwischen ein und fünf Mandaten.

Die neue Fachstelle soll allerdings nicht nur unterstützen. Beistandspersonen müssen regelmässig Berichte einreichen. Diese werden geprüft. Die Fachstelle achtet darauf, dass gesetzliche Vorgaben eingehalten werden und die Interessen der betroffenen Personen gewahrt bleiben. «Wir schauen genau hin», fasst Zwiker zusammen. Die KESB wolle damit sicherstellen, dass die Qualität der Mandatsführung hoch bleibe und Missbrauch verhindert werde. Für Caroline Zürcher ist gerade diese Kombination entscheidend: professionelle Standards auf der einen Seite, Volksnähe auf der anderen. Denn ja: Die KESB möchte damit auch ihr Verhältnis zur Bevölkerung verbessern. Zürcher kennt die Vorbehalte ihrer Behörde gegenüber. «Ich habe mich daran gewöhnt», sagt sie. Mehr noch: Sie könne verstehen, weshalb die frühere Vormundschaftsbehörde in vielen Köpfen positiver besetzt gewesen sei: Damals habe man die zuständigen Personen oft persönlich gekannt. Sie sassen im Gemeinderat oder wohnten im selben Dorf. Die heutige KESB wirke für manche Menschen dagegen distanzierter. Was man mitbekomme, seien die Schlagzeilen in der Zeitung. «Und diese fallen selten positiv aus.» Gerade deshalb sieht Zürcher in den privaten Beistandspersonen auch eine Chance. «Wir wollen wieder nahbarer werden für die Bevölkerung.» Die KESB solle nicht nur als Behörde wahrgenommen werden, die einschreitet, sondern auch als Institution, die Unterstützung ermöglicht. «Wir lauern nicht hinter einem Busch und warten darauf, jemandem eine Massnahme aufzuerlegen.» Die KESB werde immer erst aktiv, wenn eine Meldung eingehe – etwa von Angehörigen, einem Altersheim, einem Spital, der Polizei oder sogar von der betroffenen Person selbst. Danach werde sorgfältig geprüft, ob überhaupt Handlungsbedarf bestehe. «Dabei versuchen wir immer zuerst die mildeste Massnahme zu errichten», ergänzt Alex Zwiker. Nicht selten erlebe er, dass Menschen erleichtert seien, wenn Unterstützung organisiert werde. Etwa Angehörige, die sich mit einer dementen Person zunehmend überfordert fühlen. «Viele wissen gar nicht, dass die KESB auch Dienstleister sein kann.»

Wie viel verdient man als privater Beistand?

Wer eignet sich als private Beistandsperson?

«Wir suchen nicht nur einfach Menschen mit einem grossen Herz, sondern auch solche mit organisatorischem Geschick», sagt Alex Zwiker, Leiter der neuen Fachstelle. Ein beruflicher Hintergrund etwa im kaufmännischen Bereich, bei Banken, Versicherungen oder in der Buchhaltung kann hilfreich sein, ist aber keine Voraussetzung.

Was macht eine private Beistandsperson konkret?

Im Zentrum stehen unter anderem finanzielle und administrative Aufgaben: Kontakt mit Behörden, Banken und Versicherungen, Steuererklärungen, Buchführung oder das Beantragen von Ergänzungsleistungen und Prämienverbilligungen. Hinzu kommt die Interessenvertretung der betroffenen Person.

Wie viel Kontakt hat man zur betroffenen Person?

Der persönliche Kontakt gehört dazu. Gleichzeitig sei wichtig, die betroffene Person nicht zu bevormunden. «Man muss lernen, den Willen und die Wünsche der Person zu respektieren – auch wenn man selbst vielleicht anders entscheiden würde», sagt Zwiker.

Wie gross ist der Zeitaufwand?

Bei einfacheren Mandaten liegt der administrative Aufwand laut Zwiker oft bei rund zwei Stunden pro Monat. Zu Beginn könne es etwas mehr Arbeit geben, etwa für die Sichtung der Unterlagen oder die Organisation der Finanzen.

Welche Unterstützung erhalten Privatbeistände?

Genau dafür wurde die neue Fachstelle geschaffen. Zwiker führt Interessierte in die Aufgabe ein, organisiert Schulungen und steht bei Fragen zur Verfügung.

Wird die Tätigkeit entschädigt?

Private Beistandspersonen erhalten 40 Franken pro Stunde sowie Spesenersatz. Die KESB betont jedoch, dass die Aufgabe nicht aus finanziellen Gründen übernommen werden sollte. «Die Entschädigung soll den Aufwand abgelten, nicht Anreiz sein», sagt Zwiker. Gesucht würden Menschen, die sich aus Überzeugung und sozialem Engagement für Mitmenschen einsetzen möchten.

Was bringt die Aufgabe 
 

persönlich?

Neben dem sozialen Engagement bietet die Tätigkeit Einblicke in rechtliche, finanzielle und gesellschaftliche Themen. Geplant sind zudem Weiterbildungen und Austauschanlässe. Themen wie Demenz, rechtliche Fragen oder andere Herausforderungen des Erwachsenenschutzes sollen regelmässig aufgegriffen werden.

Die KESB Willisau-Wiggertal organisiert am Donnerstag, 17. September, um 17 Uhr im Alters- und Pflegezentrum Waldruh in Willisau einen Informationsanlass mit anschliessendem Apéro. Anmeldungen sind bis 31. Juli per E-Mail an [email protected] möglich.


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