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«Nicht alles braucht Zuckerguss»

Für ihr neues Bilderbuch «Schluss. Aus. Basta!» wurde die gebürtige Willisauer Illustratorin Nina Wehrle ausgezeichnet. Im Gespräch erzählt sie, weshalb Kinderbücher mehr dürfen als bloss harmonische Botschaften vermitteln. Und warum sie trotz künstlicher Intelligenz an die Kraft menschlicher Kreativität glaubt.

Chantal Bossard

Ihr neues Bilderbuch «Schluss. Aus. Basta!» ist im Frühling erschienen. Darin geraten drei Hunde und ein Eichhörnchen in einen hartnäckigen Konflikt. Wie ist diese Geschichte entstanden?

Nina Wehrle: In diesem Fall erhielten wir ein Stipendium der Albert Kœchlin Stiftung und konnten mit unserer Familie fünf Monate in einer Residency nahe Berlin verbringen. Dort lebten wir in einem Atelierhaus direkt neben einem wilden Wald – ein idealer Nährboden für dieses Buch. Zum ersten Mal seit Langem hatte ich die Möglichkeit, ganz frei auch vagen Ideen nachzugehen. Gleichzeitig waren wir als Familie in eine völlig neue Umgebung verpflanzt. Das war wunderschön, aber auch herausfordernd. Konflikte, Reibungen und das Zusammenleben in einer ungewohnten Situation haben mich deshalb stark beschäftigt.

Konflikte spielen im Buch tatsächlich eine zentrale Rolle. Es geht um Macht, Streit, Drohungen und Versöhnung. Was interessiert Sie an diesen Themen?

Wenn mich etwas herausfordert, möchte ich es in eine Geschichte verwandeln. Das ist für mich ein Motor beim Erzählen. Ich versuche, etwas Komplexes in eine Form zu bringen, die leichter und überschaubarer wird. Viele Bilderbücher sind mit Zuckerguss überzogen. Mich interessiert eher das echte Leben mit Kindern. Dazu gehören eben auch Wut, Ärger, Streit und Versöhnung.

«Entweder du kommst jetzt runter, oder wir kacken unter deinen Baum!» – das ist für ein Kinderbuch erstaunlich direkt.

Kinder kann man viel mehr zumuten, als Erwachsene oft denken. Die Grenze liegt für mich nicht bei der Sprache, sondern bei den Werten, die dahinterstehen. Das habe ich schon als Kind erlebt. Meine Eltern haben uns viel vorgelesen – teilweise auch bitterböse Geschichten. Wir haben uns daran schiefgelacht. Für mich müssen Bücher nicht in erster Linie pädagogisch sein oder eine Lektion vermitteln. Ich mag es nicht, wenn man schon auf Seite zwei merkt, was die Botschaft sein soll. Die wirklich spannenden Fragen haben oft keine einfachen Antworten.

Sie sprechen vom echten Leben mit Kindern. Wie viel davon steckt konkret in diesem Buch?

Diese Geschichte ist sehr nah an meinen Kindern. Manchmal habe ich fast das Gefühl, ich hätte das Buch gar nicht selbst gemacht. Ich bin eine Art Katalysator. Mein Sohn hat damals in Berlin ständig Geschichten erzählt. Im Wald hatte es viele Hunde. Er hatte grossen Respekt vor ihnen, war aber gleichzeitig fasziniert. Über seine Geschichten hat er das verarbeitet. Zwei völlig durchgeknallte Hunde, die nur Unsinn machen und irgendwo hineinrennen – das stammt direkt von ihm. Gleichzeitig gab es dort überall Eichhörnchen. Meine Tochter war damals in der Kita in der Gruppe «Eichhorn». Dieses emsige, umtriebige Wesen passte wunderbar zu ihr. So entstand die Figur des Eichhörnchens. Als ich dieses Eichhörnchen auf die Hunde losliess, begann die Geschichte plötzlich zu leben.

Ihre Bücher werden von Kindern gelesen, aber oft auch von Erwachsenen geschätzt. Haben Sie beide im Blick?

Ich bin ziemlich immun gegen Altersempfehlungen. Wenn ein Kind bereit für ein Buch ist, dann ist es bereit – dafür. Natürlich schwingt die Erwachsenenperspektive mit. Ich finde es schön, wenn auch Eltern beim Vorlesen etwas entdecken und sich gut unterhalten.

Das Drohszenario im Buch lässt sich durchaus mit der aktuellen Weltlage verbinden: «Entweder ihr tut, was ich sage, oder es knallt.» Wie stark steckt dieser Gedanke tatsächlich in der 
 

Geschichte?

Beim Arbeiten denke ich nicht an die Weltpolitik. Aber das Kleine spiegelt sich oft im Grossen. Mich interessieren zwischenmenschliche Themen. Wenn Bilderbücher gut gemacht sind, erzählen sie von universellen Erfahrungen. Deshalb halte ich sie überhaupt nicht für eine niedere Kunstform für Kinder. Im Gegenteil: Bilderbücher versuchen, mit dem Zusammenspiel von Text und Bild etwas Komplexes auf einen überschaubaren Raum herunterzubrechen. Und genau deshalb können sie auch Erwachsene zum Nachdenken bringen.

Manche sagen, Bilderbücher hätten im Zeitalter von Netflix, Youtube und Smartphones ausgedient. Was entgegnen Sie?

Das Bilderbuch steht nach wie vor mitten im Herzen unserer Gesellschaft. Natürlich bewege ich mich mit meinen Büchern eher in einer Nische. Aber als Medium ist das Bilderbuch unglaublich verbreitet. Ich erinnere mich noch gut an die Kinderbuchmesse in Bologna vor etwa zehn Jahren. Damals wurde ständig darüber gesprochen, dass illustrierte E-Books die Zukunft seien. Heute, zehn Jahre später, hat sich das kaum durchgesetzt. Die meisten Familien haben nach wie vor Bilderbücher zu Hause. Das finde ich wunderschön. Und bald können die Willisauerinnen und Willisauer sich in einer lokalen Buchhandlung mit Nachschub versorgen. Unabhängige Buchhandlungen zu unterstützen, halte ich für enorm wichtig.

«Schluss. Aus. Basta!» wurde von der Stiftung Buchkunst in der 
 

Kategorie Kinder- und Jugendbücher zu den schönsten deutschen
 

Büchern gekürt. Was bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnung?

Solche Anerkennungen geben Rückenwind. Die Freude selbst ist oft relativ kurz. Aber die Welle, die dadurch ausgelöst wird, ist enorm hilfreich. Menschen werden auf das Buch aufmerksam, der Verlag wird bestärkt und das Projekt erhält Sichtbarkeit.

Die Jury lobte unter anderem, wie Sie mit wenigen Strichen und klaren Formen viel erzählen. Wie gelingt das?

Das war gar nicht so selbstverständlich. Während des Arbeitens habe ich zeitweise gehadert und mich gefragt, ob es vielleicht zu wenig ist. Ursprünglich war der Wald viel dichter. Die Reduktion hat der Geschichte letztlich gutgetan. Bei dem Buch spielte auch das Format eine wichtige Rolle: Es ist hoch und schmal wie ein Baum. Die Figuren begegnen sich zwischen Baumkrone und Boden, Nähe und Distanz wechseln sich ständig ab. Solche Überlegungen prägen die Geschichte genauso stark wie der Text.

Ein anderes Thema beschäftigt derzeit viele Kreative: Künstliche Intelligenz. Wie verändert sie Ihre Arbeit als Illustratorin?

Das ist ein grosses und präsentes Thema. Kritisch sehe ich vor allem, dass unsere Arbeiten in diese Systeme einfliessen und wir kaum Kontrolle darüber haben. Es gibt zwar erste Diskussionen über Verantwortung und Kennzeichnungspflichten, aber vieles ist noch ungeklärt. Gleichzeitig merken wir die Entwicklung bereits konkret. Auftragsarbeiten gehen zurück. Firmen überlegen sich zunehmend, ob sie Illustrationen überhaupt noch in Auftrag geben oder zuerst mit KI experimentieren.

Was kann man dagegen tun?

Aufhalten lässt sich die Entwicklung vermutlich nicht. Aber wir können an das Verantwortungsbewusstsein appellieren und uns überlegen, wie wir uns selbst positionieren. Zeichnen ist nicht nur eine Kopfsache. Es ist auch etwas Körperliches. Eine geschulte Hand und ein geschultes Auge gehören zusammen. Das lässt sich nicht einfach durch einen Prompt ersetzen. Und das spüren auch die Leute: Das Handgemachte gewinnt an Wert. Das empfinde ich gar als etwas Positives: KI setzt uns unter Druck, unsere eigene Stimme zu finden. Nicht generisch zu arbeiten, sondern persönlicher.

Beeinflusst dieser Wandel Ihre eigene Zukunftsplanung?

Nein, nicht grundlegend. Ich habe das Gefühl: Innovative, menschliche, toll erzählte und visuell eigenständige Bilderbücher haben Bestand und lassen sich nicht durch eine Maschine ersetzen. Gleichzeitig denke ich dar-über nach, wie ich künftig arbeite. Lesungen, Workshops oder Livezeichnen könnten eine grössere Rolle spielen. Im Moment ist vieles im Wandel. Aber ich glaube weiterhin an die Kraft guter Geschichten.

Zum Buch

Drei Hunde und ein Eichhörnchen albern im Wald her-um – bis ein rotzfrecher Streit ausbricht. Mit jeder Seite nimmt das turbulente Hin und Her neue Wendungen. Die Geschichte lebt von Witz, Tempo und einer markanten Bildsprache.

Das Bilderbuch erscheint im Hochformat und lädt dazu ein, laut vorgelesen zu werden. Herausgegeben wurde es vom NordSüd Verlag. Kürzlich wurde es von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher in der Kategorie Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet. pd/WB


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