Ein positives Zwischenfazit

Christoph Werfeli ist ein erfahrener Mann. Seit 1999 ist er im Asylwesen tätig. Derzeit leitet er für die Caritas Luzern die einjährige Asylunterkunft in Dagmersellen. Nach zwei Monaten zieht er eine positive Zwischenbilanz.

Unterkunftsleiter Christoph Werfeli vor dem Eingang zur Anlage. Foto Fabio Vonarburg

von Fabio Vonarburg

 

Christoph Werfeli, Anfang Januar sagten Sie zum Willisauer Bote: «Ein guter Start ist äusserst wichtig». Ist dieser gelungen?

Christoph Werfeli: Ja. Zu Beginn waren die Bewohner jedoch nicht erfeut, in dieser Notunterkunft ohne Tageslicht zu leben. Vorher wohnten sie entweder im Asylzentrum Hirschpark in Luzern oder im Sonnenhof in Emmenbrücke. In beiden sind die Bedingungen wesentlich besser als hier. Die Zimmer haben beispielweise Fenster. Mittlerweile haben sich die rund 40 Bewohner jedoch alle gut eingelebt. Anfang Februar war Regierungsrat Guido Graf bei uns zu Besuch. Er hatte einen guten Eindruck.

 

Die Unterkunft ist komplett unterirdisch. Schürt dies das Konflikt­potenzial?

Nein. Unruhen gibt es nur, wenn beispielsweise einer der Bewohner angeheitert die Unterkunft zurückkehrt oder beim Betreten des Schlafsaals nicht die nötige Ruhe gewahrt wird. Wer schlafen will und nicht kann, fühlt sich schnell provoziert. Solche Vorfälle sind jedoch selten. Zudem legen die Bewohner eine gute Streitkultur an den Tag. Konflikte werden geschlichtet, bevor sie zu eskalieren drohen. Oft sind es die Asylsuchenden selbst, die zwischen Streithähnen vermitteln.

 

An Arbeitstagen sind auch Sie unter der Erde. Wie empfinden Sie den Arbeitsort Zivilschutzanlage?

Angenehm. Im Gegensatz zu den Bewohnern kann ich am Abend nach Hause. Trotzdem halte ich die Unterkunft definitiv für zumutbar. Es ist warm und sauber. Wer tagsüber die Zeit nicht draussen am Tageslicht verbringt, ist selber schuld. Zudem hat jeder das Anrecht auf bis zu einer Woche Urlaub pro Monat. Diesen verbringen die meisten bei Angehörigen und Bekannten, die bereits in der Schweiz leben.

 

Mit welchen Problemen wurden Sie anfänglich konfrontiert?

In der Startphase fehlte uns vor allem eines: Arbeit für die Bewohner. Sie sind gewillt, einen Beitrag ans Gemeindewohl zu leisten. Leider blieben die Angebote grösstenteils aus (der WB berichtete). Mittlerweile konnten wir Fortschritte erzielen. Drei Mal wöchentlich schliessen sich 10 bis 15 Bewohner der mobilen Beschäftigungsgruppe aus Littau an. Dabei wird vorwiegend Waldarbeit erledigt. Zudem bieten wir ab kommenden Montag einmal pro Woche einen Deutschkurs an. Generell kann ich festhalten: Ich hatte im Rahmen meiner Tätigkeit als Asylbetreuer schon mehr Leute in einer engeren Unterkunft. Darum weiss ich: Alle Probleme hier sind lösbar. Wir sind hier miteinander, nicht gegeneinander. Wöchentlich sitzen wir von der Caritas mit den Bewohnern zusammen und diskutieren die aktuellen Probleme. Dieser Austausch ist wichtig und mitunter ein Garant für einen reibungslosen Ablauf.

 

Was sind die Bedürfnisse der Asylbewerber?

Es gibt Bewohner, die gerne eine Bibliothek hätten. Den Jungen ist das Handy das Wichtigste. Sie wünschen sich einen Empfang wie im «Hirschpark» oder im «Sonnenhof». Dort hatten Sie zudem einen Computerraum für das Internet. Ein solcher fehlt in der Dagmerseller Notunterkunft.

 

Im Vorfeld gab es im Dorf gemischte Gefühle gegenüber der ein­jährigen Unterkunft. Haben Sie selber Reaktionen aus der Bevölkerung mitbekommen?

Vor allem anfangs sind Dorfbewohner an der Anlage vorbeispaziert. Mit einigen kam ich ins Gespräch. Beschwerden hörte ich bisher keine. Bis auf eine Frau, die mich anrief und sich über die rege Handynutzung der Asylbewerber aufregte. Als ich erwiderte, dass Schweizer Jugendliche nicht weniger mit dem Handy hantieren, war das Gespräch rasch beendet.

 

Inwiefern haben die Bewohner Kontakt mit der Dorfbevölkerung?

Die Anlage liegt ein wenig ausserhalb des Dorfes. Aufgrund dessen hält sich der Kontakt in Grenzen. Die katholische Kirche versucht den Austausch zu fördern. Jeden ersten und dritten Samstagnachmittag findet in der «Arche» ein Treffen statt, zu dem die Bewohner eingeladen sind. Am 7. Februar fand das erste Treffen statt. 17 Bewohner waren dort. Die Dorfbevölkerung nutzte die Gelegenheit, mit ihnen in Kontakt zu treten. So sorgte beispielsweise ein Schwyzerörgeli-Duo für Unterhaltung. Es war fantastisch zu sehen, wie sich die Anwesenden trotz Sprachbarrieren verstanden. Das Feedback war letztlich durchwegs positiv. Ein besonders gutes Verhältnis haben wir mit unserem direkten Nachbarn. Er lässt die Bewohner auf seinem Vorplatz Fussball spielen und hat für sie sogar zwei Unihockeytore aus Holzlatten gebaut.

 

31 der Bewohner sind Eritreer. ­Wieso flüchten sie aus ihrem Land?

Wir reden von einem Präsidenten in ihrem Land, der kein Mitgefühl für sein Volk hat. Isayas Afawerki ist seit 1993 Staats- und Regierungschef und führt das Land mit eiserner Hand. Eine Opposition gibt es keine. Nicht selten verschwinden Menschen spurlos. Man spricht von 200 illegalen Gefängnissen. Eritreer müssen von Gesetzes wegen mit 16 Jahren ins Militär eintreten. Das Militär ist der grösste Arbeitgeber. Dies ist mitunter der Grund, wieso sich die Landsleute auf eine lange Flucht begeben, über den Landweg und per Schiff eine gefährliche Reise unternehmen. Ein Eritreer erreicht erst nach ungefähr zwei Jahren die Schweiz. Generell stellte ich in meiner bisherigen Arbeit fest: Eritreer sind friedliche Menschen. Sie wollen nur Akzeptanz und in Frieden leben.

 

Der Zivilschutz sorgt für die Ein- und Ausgangskontrolle, übernimmt die Nachtschicht. Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Organisation?

Die diensthabenden Zivilschützer haben unsere Pikettnummer, auf der sie uns in Notfällen jederzeit erreichen. Derzeit wird abgeklärt, wie lange man die Zusammenarbeit mit dem Zivilschutz fortsetzt. Es ist denkbar, dass die Bewohner selber für die Ein- und Ausgangskontrolle sorgen. So wie das auch in den Asylzentren Sonnenhof und Hirschpark praktiziert wird.

 

Welche Herausforderungen stehen in den nächsten Monaten noch an?

Wir wollen uns bei unserem Nachbarn revanchieren und ihm im Sommer ein Planschbecken aufstellen (lacht). Im Ernst: Wir planen einen Tag der offenen Tür für die Bevölkerung. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich einen eigenen Eindruck zu machen.

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