Thunderstruck!
Mein Vater vererbte mir nicht nur die buschigen Augenbrauen, sondern auch seinen Musikgeschmack. Ich konnte noch kein Wort Englisch, als ich den Text von «Ring of Fire» auswendig mitsang. Klein-Chantal hatte keine Ahnung, was Johnny Cash da von sich gab, aber sie wusste, dass dieser Mann mit seiner tiefen Stimme irgendwie recht haben musste. Bis heute begleiten mich Rock 'n' Roll--Klassiker, Country, Blues, Soul und all jene musikalische Nischen, die ein bisschen nach verrauchten Kneipen klingen.
Es war also eine leichte Aufgabe, meinem Vater auf seine Bitte hin eine Playlist auf einer Musik-App zusammenzustellen. Eine digitale Jukebox für seine Ausfahrten auf dem Motorrad – Bluetooth-Helm sei Dank. Ich lud ihm die App herunter, erklärte die Funktionen. Einen eigenen Account? Hätte man machen können. Ich stellte ihm meinen zur Verfügung, denn ich dachte mir: Mein Vater wird wohl kaum zum Streaming-Junkie mutieren. Denkste. Ich war kaum zur Tür meines Elternhauses raus, da gönnte er sich bereits Dolly Partons «9 to 5». Und ich wusste davon. Denn das Ganze hat, wie ich feststellen musste, einen Haken: Sobald mein Vater irgendwo die App öffnet und seine Liste abspielt, übernimmt diese auch auf meinem Handy das Kommando. Seither mischt sich mein Vater musikalisch in meinen Alltag ein.
Etwa als ich beim Sport einem spannenden Podcast lauschte – und plötzlich Ray Charles aus meinen Kopfhörern tönte. Zugegeben: «Hit the Road Jack» passt hervorragend zu einer Motorrad-Ausfahrt «on the Road». Aber auch zu Unterarmstützen? Oder als ich beim Hausputz meinen Horizont mit einer Indie-Musikliste erweitern wollte – und sich stattdessen Carlene Carter, die Stieftochter von Johnny Cash, zu Wort meldete. Ich griff zum Telefon: «Bist du gerade am Motorradfahren?», fragte ich meinen Vater. «Nein, am Rasenmähen», hiess es. Natürlich. Offenbar macht selbst Gras schneiden mit Countrymusik im Ohr gleich mehr Freude.
Letztens sass ich frühmorgens im Zug. Draussen war die Welt noch verschlafen, die Landschaft zog ruhig am Fenster vorbei und in meinen Ohren lief sanfte Meditationsmusik. Plötzlich: «Thunderstruck!» Wortwörtlich. Die Gitarrenriffs von AC/DC liessen mich wie vom Blitz getroffen zusammenzucken. So heftig, dass die Dame gegenüber irritiert aufblickte. «Das macht mich wach», meinte mein Vater später, als ich ihm davon erzählte. Zweifellos. Mich auch.

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