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Mit Gottvertrauen durch das Leben

Er glaubt an Gott, liebt alte Kirchenlieder und verbringt seine Sonntage am liebsten am Altar. Robin Marti ist 30 und damit wohl nicht ganz der Durchschnitt seiner Generation. Während andere die Kirche hinter sich lassen, sucht er dort seine Zukunft. Was treibt ihn an?

Chantal Bossard

Robin Marti ist angenehm normal und trotzdem so ganz anders als die meisten. Er weiss das selbst. Fast am Ende des Gesprächs wird er es in genau diesen Worten sagen. Denn aussergewöhnlich ist sie schon, seine Hingabe für die Kirche. Während andere am Sonntagmorgen ausschlafen, bereitet er Gottesdienste vor. Während andere Netflix schauen, liest er kunsthistorische Bücher über alte Kirchenbauten. Und während andere Feiern gehen, reist er zu fernen Gotteshäusern, um ihr Glockengeläut aufzunehmen. Wieso? Die Frage ist schnell beantwortet. Robin Marti glaubt. Trotz allem.

Der Kern der Sache

Bei klarem Wetter würde man vom Hergiswiler Pfarrhaus aus zur Kirche sehen, aber nicht heute, nicht wenn Regentropfen über die Fensterscheiben laufen und die Sicht verzerren. Die Deckenlampe taucht den Sitzungsraum in warmes Licht. Robin Marti sitzt am Holztisch, die Hände gefaltet, hinter den dicken schwarzen Brillengläsern der Blick aufmerksam. Die Fakten sind schnell geklärt: Marti ist 30, wohnt in Hergiswil und arbeitet auf der Gemeindekanzlei Grossdietwil. In der Kirche engagiert er sich gleich in mehreren Funktionen. Doch je näher das Gespräch dem Kern der Sache kommt, desto selbstsicherer wird er. Denn der Kern der Sache ist für ihn immer: Gott. «Da hat der da oben von Anfang an die Finger im Spiel gehabt», sagt er und zeigt mit dem Finger an die Decke.

Robin Marti wächst mit zwei jüngeren Geschwistern in Hergiswil auf. Schon früh für Verwunderung gesorgt hat in der Familie seine Faszination für Kirchen. Die Eltern, die vielleicht einmal im Jahr in der Kirche anzutreffen waren, konnten diese schlicht nicht nachvollziehen. «Schon als kleines Kind haben mich Kirchen wie magisch angezogen.»

Woher kommt die Leidenschaft?

Bis zum Ende seiner Schulzeit ministriert Marti. Später trägt er als Lektor die Lesung und die Fürbitten vor. 2014 kommt er in den Pfarreirat, danach in den Kirchenrat. Die Leidenschaft wächst mit ihm, aber sie wird nicht unbedingt verständlicher für sein Umfeld. «Wieso hockst du nur immer in den Kirchen?» Diesen Satz bekommt er schon früh zu hören. Ja, wieso nur? Robin Marti sitzt da, lässt seinen Blick über den Tisch gleiten, hin zum verzerrten Bild der Kirche, hinter den verregneten Fensterscheiben. Kurz wirkt es so, als ob er sie satthabe, die ewig gleiche Frage nach dem Warum und Wieso seiner Leidenschaft. Es ist nicht immer leicht, für etwas zu brennen, das die Menschen um einen herum kaum nachvollziehen können. Marti tut es trotzdem. «Getrieben von der Hoffnung, dass es sich lohnt, alles durchzustehen.» Die Hochs und Tiefs des Lebens. Für Marti ist Ostern der Beweis, dass selbst das Kreuz nicht das Ende sein muss. «Ich bin ein lebensfroher Mensch», betont Marti. Wegen, nicht trotz seines Glaubens. Dank Gott an seiner Seite: «Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende», zitiert er einen für ihn wichtigen Bibelvers aus dem Matthäusevangelium. Im Abendgebet lässt Marti den Tag Revue passieren und überlegt, wofür er dankbar sein kann. «Es gibt immer was, auch an einem noch so doofen Tag.» Beschäftigt ihn etwas, bittet er Gott um Rat. Oftmals durchfahre ihn danach eine Erleuchtung. Beweisen lasse sich Gott nicht. «Aber ich spüre ihn als Gegenüber.» Apropos: Wenn er von «ihm» spreche, sei das der Einfachheit geschuldet. «Gott hat kein Geschlecht, keine Hautfarbe, gehört allen und niemandem.»

Ganz ohne Zweifel geht es auch bei Marti nicht. Wenn Gott so gross ist, warum lässt er dann das Leid auf der Welt zu? «Ja, manchmal ist es schwer, zu glauben.» Marti versteht es, wenn jemand mit seiner Art zu glauben wenig anfangen kann. Wenn aber jemand die Gottesdienste als «Scheisse» bezeichnet, ist es mit seiner Gelassenheit vorbei. Schon die Erinnerung daran treibt ihm rote Flecken den Hals hoch. Seine Stimme wird lauter. Man ahnt, dass er diese Diskussion nicht zum ersten Mal führt. Was andere langweilig finden, ist für Marti der Kern der Kirche: das Gebet, die Lieder, die Rituale. Dass er selbst Teil davon sein darf, ist für ihn weit mehr als ein ehrenvolles Amt. «Ich brenne für die Liturgie.»

Seit Herbst 2023 darf er im Pastoralraum Gottesdienste leiten, schon über deren 40 hat er hinter sich. Er hat dafür eine Ausbildung am Liturgischen Institut in Fribourg abgeschlossen.

Wenn er vorne steht, Gebete spricht, der Feier vorsteht, ist er dort angekommen, wo er schon immer sein wollte. Doch Marti will mehr: Er möchte hauptberuflich Seelsorger werden. Nach der Arbeit auf der Gemeindekanzlei Grossdietwil studiert er Theologie, meist online, zwei Lektionen pro Woche. Wenn er von seiner Zukunft spricht, klingt es, als sei die Richtung längst klar.

Eine hippe Kirche? Bitte nicht!

«Hier gehöre ich hin», sagt Robin Marti. Seine Stimme hallt durch den Kirchenraum. Eben noch ist er durch den Regen gerannt, nun steht er hinter dem Altar, die Hände vor dem Körper gefaltet.

Besonders angetan haben es ihm die Hochfeste. Wenn er davon erzählt, wird sein Blick heller, seine Stimme schneller. «Das Weihrauchfass zu schwingen, gehört für mich zu den absoluten Höhepunkten.» Doch Kirche bedeutet für ihn nicht nur Liturgie. Sie ist auch ein Ort der Gemeinschaft. Einer allerdings, der immer weniger Menschen zusammenführt. Viele Bankreihen seien im Gottesdienst jeweils leer, sagt er. Macht ihm das nichts aus? Er schüttelt den Kopf. Er liebe die Gottesdienste auch mit wenigen Menschen. Dann hält er kurz inne und schiebt nach: «Hand aufs Herz: Es ist trotzdem schmerzlich.» Beten könne jede und jeder auch allein. «Aber wenn Menschen zusammenkommen, gemeinsam singen und beten, entsteht eine Energie, die über die einzelne Person hinausgeht.»

Robin Marti sagt von sich, dass er gern einen Plan für alles hat. Doch wie die Kirche wieder mehr Menschen erreichen könnte, darauf hat auch er keine fertige Antwort. Dass sie gerade viele junge Menschen nicht mehr anspricht, kann er verstehen. Nur müsste sie deshalb gleich moderner werden? Hipper? Allein schon das Wort scheint ihm nicht recht zu behagen. Nein. Marti mag es traditionell. Die alten Kirchenlieder hätten viel mehr Ausdruckskraft als die Modernen, findet er. Er will keine Kirche, die krampfhaft versucht, jeden Trend mitzumachen. Nach einem Gottesdienst in einem Altersheim habe ihm eine Frau einmal gesagt, er sei schon noch «alte Schule», mit seinen Liedern und seiner Liturgie. Doch wer Marti deshalb für einen hält, der die Kirche am liebsten in ihrer alten Ordnung bewahren möchte, liegt falsch. «Tradition bedeutet für mich nicht, dass alles bleiben muss, wie es ist.» Jedenfalls nicht, wenn es um die Menschen geht, die in dieser Kirche Platz haben sollen. Die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare? Für Marti kein Problem. Frauen in sämtlichen kirchlichen Ämtern? Unbedingt. Selbst gegen eine Päpstin hätte er nichts einzuwenden.

Entscheiden könne das allerdings nicht er, sondern Rom. Da gelte es abzuwarten und zu vertrauen. «Wenn Gott will, dass es weitergeht, dann wird es weitergehen.» Marti selbst will, dass es weitergeht. Deshalb engagiert er sich. «Ich kann nicht nur fluchen, dass sich niemand engagiert. Ich muss bei mir selbst anfangen.»

Robin Marti führt hinter den Altar, in den Raum mit den Kirchenschätzen. Er öffnet einen Tresor, greift nach schweren Eisenschlüsseln und sperrt damit einen zweiten auf. Dann zieht er ein Leinentuch zurück. Zum Vorschein kommt eine Monstranz aus dem Jahr 1629. Ein kunstvoll gearbeitetes Gefäss, in dessen Mitte die Hostie zur Anbetung gezeigt wird. Marti nimmt die Monstranz vorsichtig in die Hände. Als einzelne Teile locker wurden, brachte er sie eigenhändig zum Goldschmied. Ihr materieller Wert sei wohl überschaubar. Doch darum geht es ihm nicht. Sie ist alt, sie ist besonders, sie ist einzigartig. Während er davon erzählt, überschlägt sich beinahe seine Stimme – er hält inne. Für einen Augenblick scheint ihm bewusst zu werden, wo er steht und wie weit ihn seine Begeisterung für ein fast 400 Jahre altes Kirchenrelikt gerade fortgetragen hat. Ein kurzes ertapptes Lachen. Dann die Antwort, auf eine Frage, die niemand gestellt hat: «Ja, ich weiss, dass ich anders bin.» Anders, aber ganz bei sich.

Der Klangsammler

Wenn die Glocken der Klosterkirche Einsiedeln erklingen, gerät Robin Marti ins Schwärmen. Mehrmals täglich breitet sich dort das Geläut in unterschiedlichen Kombinationen über das Dorf aus. «Sagenhaft schön» sei das. Solche Klänge möchte der 30-jährige Hergiswiler festhalten – möglichst naturgetreu und ungestört. Dafür reist er zu Kirchen in der ganzen Schweiz, sucht sich einen geeigneten Standort ausserhalb des Gotteshauses und nimmt das Geläut auf.

Auf seinem YouTube-Kanal «Robin Marti Kirchenglocken» verbindet er die Tonaufnahmen mit Bildern der jeweiligen Kirchen. Die Videos stellt er selbst zusammen. Rund eine Stunde benötigt er für die Nachbearbeitung, zu der auch kunsthistorische Informationen über die Gotteshäuser gehören. Jeden Samstag veröffentlicht er ein neues Video, vor jedem Hochfest kommt eines dazu. Rund 1070 Menschen folgen seinem Kanal inzwischen.

Neugierig geworden? Hier geht es direkt zu Robin Martis YouTube-Kanal. cbo


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