Trockene Wiesen, grosse Sorgen

Hanspeter Steffen verlädt auf der Alp im Sarganserland zwei Kühe. Wegen der anhaltenden Trockenheit müssen sie dieses Jahr früher als geplant zurück ins Tal.
Foto zvg
Die Trockenheit bringt die Landwirtschaft unter Druck. Weil auf Alpen Wasser und Futter fehlen, müssen Tiere früher ins Tal zurückkehren. Doch dort wartet das nächste Problem: schwindende Wintervorräte. Hanspeter Steffen aus Zell erlebt die Situation am eigenen Betrieb und auf seinen Fahrten mit dem Viehtransporter.
Eigentlich würden Hanspeter Steffens Kühe noch rund einen Monat auf der Alp verbringen. Bis Mitte September, etwa um den Bettag, wäre ihre Sömmerung geplant gewesen. Doch daraus wird dieses Jahr voraussichtlich nichts. Bereits am vergangenen Freitag holte der Zeller Landwirt zwei seiner sechs Kühe und zehn Stück Jungvieh von der Alp im Sarganserland zurück. Die übrigen Tiere können vorerst noch bleiben. Wie lange ist allerdings offen. «Ich habe schon damit gerechnet, dass ich sie früher holen muss», sagt Steffen. Überraschend komme der Entscheid deshalb nicht. «Seit zwei Monaten fällt kaum Regen. Das Gras wächst nicht mehr nach.» Der zweite Aufwuchs bleibe aus, viele oberflächliche Quellen, die auf regelmässige Niederschläge angewiesen wären, seien versiegt.
Das Problem endet nicht im Tal
Wer meint, mit dem Alpabzug sei die Sorge vorbei, irrt. Denn auch im Luzerner Hinterland präsentiert sich vielerorts das gleiche Bild: braune Wiesen statt saftiges Grün. «Draussen ist alles dürr», sagt Steffen. Eigentlich hätte jetzt Emd gemacht werden sollen. Doch der Regen blieb aus, das Gras wuchs nicht nach. Die Folge: Viele Betriebe müssen bereits jetzt ihre Winterreserven anbrechen, um ihre Tiere zu versorgen. Futter, das eigentlich erst in einigen Monaten gebraucht würde, verschwindet schon mitten im Sommer aus den Silos und Scheunen. «Das grosse Problem ist: Woher kommt dann im Winter das Futter?»
Hoffnung auf Regen – und Sorge um den Winter
«Die letzten zwei Jahre hatten wir hervorragende Futterjahre. Dieses Jahr ist alles knapp.» Zwar kann seit Anfang August Heu zollfrei importiert werden, zudem werden die Zölle auf Futtermais gesenkt. Damit reagiert der Bund auf Forderungen des Schweizer Bauernverbands und will die Versorgung etwas entschärfen. Gleichzeitig dürfen die Kantone in diesem Jahr Ausnahmen bewilligen, damit Tiere früher von den Alpen ins Tal geholt werden können – ohne dass es Einfluss auf die Subventionen hat. Doch auch auf dem internationalen Markt ist Futter knapp – «es herrscht ja europaweit Trockenheit» – entsprechend hoch sind die Preise. Konkrete Zahlen gibt es keine, aber der Schweizer Bauernverband schreibt auf der Website, dass die Futtermittelpreise deutlich steigen und die Marktlage wegen der Trockenheit angespannt ist. «Das ist im Moment das grosse Gesprächsthema unter den Bauern», so Steffen. Hinzu komme, dass Betriebe in guten Jahren überschüssiges Futter aufgrund der geltenden Vorgaben oft verkaufen müssten. Denn: Landwirtschaftsbetriebe, die Direktzahlungen beziehen, müssen im Rahmen des Ökologischen Leistungsnachweises eine ausgeglichene Nährstoffbilanz nachweisen. In der Praxis wird deshalb überschüssiges Grundfutter verkauft oder abgegeben, damit diese Bilanz stimmt. «Gerade jetzt könnten wir diese Reserven aber gut gebrauchen. Da braucht es ein Umdenken.»

Weniger Wasser als üblich: Der Brunnen auf der Alp im Sarganserland führt derzeit deutlich weniger Wasser als in normalen Sommern.
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Wasser wird zum kostbaren Gut
Am Anfang steht der Wassermangel. Wo Quellen versiegen und seit Wochen kaum Regen fällt, wächst auch das Gras nicht mehr. Steffen fährt neben seinem Landwirtschaftsbetrieb regelmässig Viehtransporte und spricht mit zahlreichen Berufskollegen. «Ich höre von vielen Höfen, dass Wasser von ausserhalb zugeführt werden muss.» Er selbst habe das Glück, über genügend Wasser zu verfügen. Doch wie hoch der Bedarf sei, werde an Hitzetagen besonders deutlich. «Eine Kuh trinkt im Sommer gut und gerne 150 Liter Wasser pro Tag.» Wo Wasser fehlt, bleibt oft nur eine unangenehme Konsequenz. «Es gibt ältere Kühe, die ich eigentlich bis in den Winter behalten wollte. Jetzt geben wir sie früher weg. Jede Kuh, die den Betrieb verlässt, verbessert unter dem Strich die Wasserbilanz.» Steffen beobachtet, dass viele Betriebe derzeit schneller als geplant über Schlachtungen entscheiden. Gleichzeitig kommen wegen der vorzeitig abgebrochenen Alpsömmerung vielerorts bereits jetzt Tiere auf den Markt. Um ein Überangebot und sinkende Fleischpreise zu verhindern, haben Viehhändler und der Schweizer Bauernverband zu gestaffelten Schlachtungen aufgerufen.
«So etwas habe ich noch nie erlebt»
Für Steffen ist die Situation aussergewöhnlich. An den Hitzesommer 2003 könne er sich zwar erinnern. «Damals war aber wenigstens der Frühling noch gut. Dieses Jahr zieht sich die Trockenheit schon lange hin.» Die Nationale Trockenheitsplattform stufte Ende Juli erstmals die gesamte Schweiz auf die zweithöchste Gefahrenstufe 4 ein. Sie spricht von einer anhaltenden Trockenheit im ganzen Land und rechnet auch in den kommenden Wochen nicht mit flächendeckenden Niederschlägen. Besonders im Jura sowie im westlichen und östlichen Mittelland fielen in den vergangenen 30 Tagen 60 bis 80 Prozent weniger Niederschlag als üblich.
Was Steffen jedoch fast noch mehr beschäftigt als die nackten Zahlen, ist die Stimmung unter seinen Berufskollegen. «Das geht vielen Bauern an die Psyche. Ich bin viel unterwegs und höre die Sorgen. Wie soll es weitergehen? Futter wird knapp, Energie kostet, die Milchpreise steigen nicht.» Trotz allem bleibt nur eines: auf Regen hoffen.

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