Die stillen Wächter auf den Hügeln

Ein Baum, weit oben auf einer Anhöhe – im Luzerner Hinterland ein vertrauter Anblick.
Foto Chantal Bossard
Sie prägen das Landschaftsbild des Luzerner Hinterlands: einzelne Bäume auf Anhöhen. Sie sind Wahrzeichen, Orientierungspunkte – und für viele Menschen Erinnerungsorte. Doch weshalb stehen sie gerade dort?
Mal hebt sich ihre Krone sattgrün vom Sommerhimmel ab, mal zeichnen ihre kahlen Äste filigrane Muster in den Winterhimmel. Mal ist es eine mächtige Eiche, mal eine ausladende Linde oder eine stattliche Buche. Wer den Blick über das Luzerner Hinterland schweifen lässt, entdeckt sie fast überall: markante Einzelbäume auf Anhöhen. Ist das Zufall? «Nein,», sagt Volkskundler Kurt Lussi. Zwar lasse sich heute nicht in jedem Fall historisch belegen, wieso auf diesem oder jenem Hügel ein einzelner Baum throne. Doch für den Volkskundler dürften dabei praktische Gründe ebenso eine Rolle gespielt haben wie die symbolische Bedeutung von Bäumen. Und diese reicht weit zurück – sehr weit.
Wo der Pflug nicht mehr hinkam
Aus praktischer Sicht war der höchste Punkt eines Grundstücks für die Landwirtschaft oft wenig geeignet. Dafür eigneten sich diese Stellen gut für einzelne Bäume, die Schatten spendeten, Windschutz boten und als Orientierung in der Landschaft dienten. Auch als Blitzableiter waren sie gefragt. «Vor allem Eichen», so Lussi. Grund dafür sei vielleicht die Beobachtung gewesen, wonach Blitze besonders häufig in Eichen einschlagen. «Darauf zurück geht die in vielen Bauernkalendern abgedruckte Warnung: ‹Vor Eichen sollst du weichen, vor Fichten sollst du flüchten, aber Buchen musst du suchen›», erzählt der Volkskundler. «Und daran erkennt man schon die weitergehende, symbolische Bedeutung der Bäume – ihnen wurde ein Charakter zugeschrieben, ja gar eine Seele.»

Den Bäumen wurde früher eine Seele zugeschrieben, beheimatet von überirdischen Wesen.
Foto Priska Ziswiler
Der Glaube an eine beseelte Pflanzenwelt reiche zurück in die Zeit, da die Natur als Aufenthaltsort von Göttern, Dämonen und Seelen der Abgeschiedenen galt. «Also weit vor der Christianisierung.» Im Glauben der Germanen und Kelten sei die Natur heilig und von überirdischen Wesen beseelt gewesen, die unter dem Schutz allmächtiger Götter standen. «Mangelnder Respekt gegenüber der Schöpfung galt als Herausforderung höherer Mächte», so Lussi. Der Besuch bei den heiligen Bäumen verstand sich also als Opfergang, der die Besänftigung der an diesen Orten wirkenden Naturmächte bezweckte. Gerade markante Einzelbäume auf Anhöhen dürften vielerorts zu den heiligen Bäumen gezählt haben.
Als das Christentum Bäume fällte
«Erst später wurde der Kult christlich umgedeutet und umgestaltet: Aus dem Opfergang wurde die Wallfahrt; aus den archaischen Naturkräften göttliches Wirken», so Lussi. Teilweise wurde also das Heidnische vom Christentum überlagert. «Und teilweise, vor allem auf katholischem Boden, wurden die heidnischen Altäre niedergerissen, die Bäume umgehauen.» Noch im frühen 19. Jahrhundert liess etwa die Luzerner Regierung wegen auffälligen «Andächteleyen» unter Polizeischutz heilige Bäume fällen, so eine Buche in Zell und eine Eiche in Dagmersellen. Gleichzeitig erhielten die beiden Gemeinden die Aufforderung, neue Verstösse unverzüglich der Polizeikammer anzuzeigen. So kommt es vermutlich auch, dass auf reformiertem Berner Boden die Hügelkuppen meistens eine Linde oder einen Ahorn tragen würden, auf der katholischen Luzerner Seite hingegen da und dort nur oder zumindest auch ein Kreuz oder eine Kapelle steht.

Baum mit Kapelle.
Foto Chantal Bossard
Doch: Gewisse Bäume seien auch nach der vollkommenen Christianisierung noch kultisch verehrt worden, obschon dies aus Sicht der Kirche eine Sünde gewesen sei. «Der Gang zu heiligen Bäumen blieb Teil des religiösen Lebens», so Kurt Lussi. «Und ist es noch heute.» Unser Glaube mag sich gewandelt haben, das Wissen um die alten Bräuche ist oft nicht mehr vorhanden. «Was bleibt, ist das Gefühl für das Göttliche des Ortes und dafür, dass wir es mit einem stillen Zeitzeugen zu tun haben.»
Erinnerungen unter Baumkronen
Wie sehr ein einzelner Baum über Generationen hinweg zum Erinnerungsort werden kann, zeigt sich in Stettenbach bei Grosswangen. Für Cornelia Kalbermatten-Geisseler und ihre Familie ist die Eiche auf der Anhöhe mehr als ein Stück Natur. Sie nennen sie liebevoll «s'Eichli». «Als meine Grosseltern 1938 die Liegenschaft übernahmen, stand auf der Anhöhe eine noch junge Eiche», erzählt sie. Schon damals sei der Spaziergang hinauf zum Baum eine willkommene Abwechslung gewesen. «Von dort blickt man zur Oberroth, nach Grosswangen, Buttisholz, Tambach, Menzberg und Wellberg – oft begleitet von einem kühlen Lüftchen.» Mit den Jahren wuchs nicht nur die Eiche, sondern auch die Zahl der Erinnerungen, die mit ihr verbunden sind. «Der Baum mit dem einfachen Holzbänkli könnte unzählige Geschichten erzählen», sagt Cornelia Kalbermatten. Von Kindern, die Eicheln sammelten oder Drachen steigen liessen. Von Zobigpausen im Schatten der Krone. Von 1.-August-Feiern der Stettenbacher, Geburtstagsapéros, Übernachtungen im Zelt und Posten der Schatzsuche des Ferienpasses. Auch fotografisch wurde das «Eichli» über die Jahre festgehalten. «Ich habe den Baum in allen Jahreszeiten fotografiert», erzählt sie. Einige dieser Bilder hängen heute bei ihren Eltern und Nachbarn. Sogar Karten mit dem Motiv der Eiche wurden verschickt – als Erinnerung an die frühere Heimat. Und obwohl die Eiche längst zu einem stattlichen Baum herangewachsen ist, hat sie ihren vertrauten Namen behalten. «Sie ist und bleibt für unsere Familie ‹s'Eichli›. Ein Ort, der Heimat bedeutet und an schöne gemeinsame Momente erinnert.»

Ein Baum für kommende Generationen: Ursi und Ueli Krauer pflanzten mit ihren Kindern auf dem Gibelhof in Grossdietwil eine Edelkastanie als Familienbaum.
Foto zvg
Tradition, die weitergeht
Die Bedeutung einzelner Bäume beschränkt sich aber nicht auf alte Gewohnheiten und überlieferte Orte. Auch heute entstehen neue Baumtraditionen. Auf dem Gibelhof in Grossdietwil, am höchsten Punkt des eigenen Grundstücks, pflanzte Familie Krauer am 6. Mai 2018 ihren Familienbaum. Gemeinsam setzten Ursi und Ueli Krauer mit ihren Kindern Chiara, Louis, Jann, Lino und Svenja eine Edelkastanie in die Erde. «Die Idee dahinter: ein Baum, der mit der Familie wächst und vielleicht noch kommenden Generationen Geschichten erzählt», sagt Ueli Krauer auf WB-Nachfrage. «Ich sehe den Baum praktisch jeden Tag bei der Arbeit auf dem Land und erfreue mich stets daran.» Aus der jungen Edelkastanie sei ein richtiger Baum geworden, der bereits Früchte trage. «Inzwischen sieht man ihn schon von weit her auf der Anhöhe thronen.»

Seit Generationen steht die Eiche in Stettenbach bei Grosswangen auf der Anhöhe. Für Cornelia Kalbermatten-Geisseler ist «s'Eichli» ein Ort voller Erinnerungen.
Foto Cornelia Kalbermatten-Geisseler

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