Die Burg mit Flachbildschirm
Auf einem Parkplatz vor einer Burg, ganz oben an der Küste der englischen Grafschaft Northumberland, verlor ich fast meinen Glauben an die Magie. So nenne ich es jetzt einfach einmal, dieses Gefühl, das ich seit Kindsbeinen mit mir herumtrage: das Vertrauen, dass die Welt mehr ist als das, was gerade laut und wichtig erscheint. Dass im Menschen etwas Gutes steckt. Dass nicht alles sofort einen Sinn ergeben muss, um trotzdem einen zu haben. Und dass es Dinge gibt, die stärker sind als die Hektik und Härte der Welt. Eine ziemlich schwammige Definition, ich weiss. Vielleicht wissen Sie trotzdem, was ich meine.
Es war unser erster Ferientag auf der Insel des Vereinigten Königreichs. Mein Freund und ich übernachteten in Bamburgh. Wir hatten unseren Campervan auf dem Parkplatz unterhalb der namensgebenden Burg abgestellt. Tagsüber hatten wir das historische Gemäuer besichtigt, am Abend sassen wir im Van, mit direktem Blick darauf. Als es dunkel wurde, gingen oben in der Burg die Lichter an. Sie ist zu Teilen noch bewohnt, das hatten wir auf der Führung erfahren. Schemenhaft bewegten sich Menschen hinter den Fenstern. Dann flackerte plötzlich blaues Licht über eine Wand. Da war sie wieder, die Gegenwart. Mitten in dieser alten Burg, zwischen dicken Mauern und jahrhundertealten Geschichten, flimmerte ein Fernseher. Und ich, offenbar etwas überempfindlich gegenüber dem unerwarteten Einbruch der Moderne, hatte plötzlich genug. Die Frage, die mich den ganzen Sommer über begleitet hatte, holte mich ein: Hat man denn nirgends Ruhe vor der Schnelllebigkeit unserer Zeit?
Mein – zugegeben melodramatischer – Aussetzer war zum Glück von kurzer Dauer. Keine Feen waren nötig, um mich wieder an die Magie zu erinnern. Es brauchte erstaunlich wenig: kein Handyempfang in den schottischen Highlands zum Beispiel. Dafür ein Schaf mitten auf der Strasse, das sich von der Autokolonne völlig unbeeindruckt zeigte und stoisch weiterkaute. Es brauchte strömenden Regen und ein Pub, in dem wir mit einem Pint Stout sassen und einem Dudelsack zuhörten. Den Wind im Gesicht an der Nordküste. Das Licht der Sonne, das für ein paar Minuten über ein Stück Moos wanderte. Kleine Dinge, eigentlich. Die Zeit musste dafür nicht stehen bleiben. Ich musste es.
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