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Wirtschaft

Unserem Abfall auf der Spur

Jeder Mensch in der Schweiz verursacht pro Jahr fast 700 Kilo Abfall – eine der höchsten Quoten weltweit. Etwas mehr als die Hälfte davon wird recycelt. WB-Reporterin Anna Graf heftete sich für das Videoformat «Schichtwechsel» einen Tag lang an die Fersen der Mitarbeitenden auf dem Recyclinghof der Amstein Robert AG in Willisau. Was geschieht dort mit unserem «Güsel»?

Anna Graf

Vorsichtig steuert Edgar Bürli (54) den massigen Glas-Container per Kran auf seinen Lastwagen zu. Kurz deutet er mit dem Zeigefinger an sein Ohr – jetzt wirds laut. Dann öffnet er die Klappe auf der Unterseite und lässt alles Weissglas in den gelben Lastwagencontainer fallen, welches in den letzten zwei Wochen bei der Sammelstelle Schlossfeld eingeworfen wurde. Was man von aussen nicht sieht: Der moderne Lastwagen verfügt im Innern über drei verschiedene Kammern – eine für Weiss-, eine für Braun- und eine für Grünglas. «Viele Leute fragen, warum sie ihr Sammelgut überhaupt nach Farben trennen müssen, wenn danach sowieso alles im gleichen Lastwagen landet – ein hartnäckiges Missverständnis», sagt Emanuel Gut, Leiter Recycling bei der Amstein Robert AG in Willisau. Ähnlich stehe es um den anhaltenden Mythos, das gesammelte Glas lande in Kehrichtverbrennungsanlagen anstatt im Recycling, um dort begehrte Fernwärme zu generieren. «Heute werden fast hundert Prozent aller Schweizer Glasverpackungen separat eingeschmolzen, um anschliessend ein neues Leben zu erhalten.»

Am Steuer eines grossen Gefährts: das Highlight der Reporterin

Zurück auf dem Recyclinghof fährt Edgar Bürli mit seinem Lastwagen auf die Waage, um das Gewicht des gesammelten Glases zu dokumentieren: 1,3 Tonnen. Anschliessend darf ich mich für die kurze Strecke bis zur Glas-Sammlung selbst ans Steuer des grossen Gefährts setzen – ein persönliches Highlight. Die hohe Fahrerkabine erlaubt einen guten Überblick über den grossflächigen Sammelhof nordöstlich des Bahnhofs Willisau. Von Elektroschrott über Sperrgut bis hin zu Grünabfällen: Hier werden neben Glas jegliche Entsorgungsmaterialien sortiert und – falls möglich – für ihre Rückkehr in die Kreislaufwirtschaft vorbereitet.

Von Boxhandschuhen bis hin zu Schusswaffen

Der Recyclinghof von Geschäftsführer Robert Amstein beschäftigt vier Recyclisten sowie drei LKW-Chauffeurinnen und -Chauffeure. Gemeinsam mit der Tochterunternehmung, der Amstein Bus AG, zählt der Betrieb 85 Angestellte. Für das Multimedia-Format «Schichtwechsel» geselle ich mich einen Tag lang zu ihnen.

Anstelle von Recherche- und Schreibarbeiten lege ich für einmal selbst Hand an und wühle mich durch den «Güsel» unserer Region. Die drei Entsorgungsmulden aus Haus- und Wohnungsräumungen, die am Morgen eingetroffen sind, gilt es nach Wertstoffen abzusuchen: Trockener Karton, Metalle, Holz und Elektrogeräte gehören nämlich nicht in die Kehrichtverbrennungsanlage. Überbleibsel wie alte Musikplatten und Boxhandschuhe erzählen vom Leben ihrer einstigen Besitzer. Was war der bisher kurioseste Fund auf dem Recyclinghof? «Wir entdeckten schon mehrmals Schusswaffen», sagt Emanuel Gut. «Die müssen wir jeweils der Polizei übergeben.»

Ein sinnvoller Beruf

Wie fühlt es sich an, den ganzen Tag von Abfall umgeben zu sein? «Unser Job bietet zum Glück noch vieles mehr als das Aussortieren von Entsorgungsmulden», sagt Recyclist Rico Hügli (23). Besondere Freude bereiten ihm die verschiedenen Gefährte – Bagger, Lastwagen, Gabelstapler – mit denen er Entsorgungsgut von A nach B befördert. Auch beim Trennen von Wertstoffen kommen interessante Gerätschaften zum Einsatz: etwa die Schäl-Maschine, mit der sich wertvolles Kupfer und Aluminium aus alten Stromkabeln befreien lassen. Oder die Alligator-Schere, welche ihren Namen der Beisskraft von Krokodilen zu verdanken hat. Damit lassen sich etwa Wasserhähne mühelos in ihre Einzel-Bestandteile wie Kupfer, Messing, Zink, Chrom oder Nickel zerteilen. «Es ist ein sinnvoller Beruf, weil du möglichst alle Wertstoffe in den Kreislauf zurückbringst», sagt Rico Hügli.

Was passiert eigentlich nach dem Sortieren?

Auch der Kundenkontakt mache Spass, so der Recyclist. Zu den Öffnungszeiten fahren im Minutentakt Autos von Privatpersonen aus Willisau und Umgebung vor, um ihr Sammelgut zu entsorgen: vom Papier-Bündeli über die aussortierte Eisen-Laterne bis hin zum rostigen Grill. Hier packt Rico Hügli mit an und ist bei Fragen schnell zur Stelle. «Ich wünschte mir, dass die Leute im Zweifelsfall lieber einmal mehr nachfragen, bevor sie zum Beispiel ein Joghurt-Deckeli zu den Alu-Getränkedosen werfen.» Diese gehörten nämlich ins Weissblech. «Insgesamt sind unsere Besucherinnen und Besucher aber vorbildlich beim Recyceln.»

Und wo kommen die verschiedenen Materialien hin, nachdem sie in Willisau getrennt wurden? «Altholz, Grüngut und Bauschutt werden hier in der Nähe verwertet», sagt Emanuel Gut. Was nicht innerhalb der Landesgrenzen recycelt werden kann, kommt ins nähere Ausland – etwa Plastik (siehe Infobox unten). Eine weitere Möglichkeit sei die thermische Verwertung durch Verbrennung. «Das ist das Faszinierende an unserer Branche: Wir holen aus jedem Stoff das Bestmögliche heraus.»

Lohnt sich das Sammeln und Recyceln von Plastik?

Während Schweizerinnen und Schweizer beim Sammeln von Glas und Aluminium zu den Spitzenreitern gehören, hinken wir beim Plastik hinterher: Von den knapp 800 000 Tonnen Kunststoff, die jährlich anfallen, landen gemäss Bundesamt für Umwelt (BAFU) rund 83 Prozent in einer Kehrichtverbrennungsanlage. Weniger als zehn Prozent werden recycelt. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Recycling-Quote von Plastik laut Umweltbundesamt bei 38 Prozent.

In unserer Region können die Kunststoff-Sammelsäcke von «Bring Plastic Back» seit 2018 bei Sammelstellen wie der Amstein Robert AG in Willisau, der K. & M. Bucher Transporte AG in Schötz, der Gasser AG in Dagmersellen oder der Hess Muldenservice AG in Reiden gekauft und abgegeben werden. Der Anteil von Menschen, die dieses Angebot nutzen, sei in den letzten Jahren stets gestiegen, sagt Emanuel Gut, Leiter Recycling bei der Amstein Robert AG. «Mittlerweile nehmen wir pro Tag 20 bis 30 Sammelsäcke entgegen.»

Noch fehlt es an spezialisierten Sortieranlagen

Wer ein Jahr lang Kunststoff sammelt, nützt der Umwelt etwa so viel, wie wenn er oder sie auf eine Autofahrt von 30 Kilometern verzichtet: Zu diesem Ergebnis kommt eine 2017 im Auftrag des BAFU durchgeführte Studie. Wie steht Emanuel Gut zur Öko-Bilanz des Plastik-Recycelns, die deutlich schlechter ausfällt als bei Glas, Alu oder PET? «Die stoffliche Wiederverwertung hat dennoch den Vorteil, dass keine graue Energie zerstört wird, welche in die Entstehung des Kunststoffs hineingeflossen ist.» Trotzdem gibt es gewisse Herausforderungen: Recycelter Plastik ist gemäss aktuellem Standard noch nicht für die Verwendung als Lebensmittelverpackung geeignet – stattdessen entstehen «minderwertige» Produkte wie Schläuche oder Baumaterialien. Weiter müssen die vielen unterschiedlichen Arten von gesammeltem Kunststoff in spezialisierten Sortieranlagen getrennt werden. Solche gibt es aktuell nur in Österreich und Deutschland – im thurgauischen Eschlikon befindet sich aber ein Sortierzentrum im Aufbau.

  

«Reduce» statt «Recycle»

Nicht alle im Sammelsack abgegebenen Kunststoffe lassen sich recyceln – diese werden in Zementwerken verbrannt. Gemäss Emanuel Gut eine sinnvolle Sache: «Damit lassen sich Erdöl und Kohle einsparen.» Schlussendlich müsse jeder und jede selbst entscheiden, ob er oder sie den eigenen Plastik sammeln möchte. Wie bei allen Stoffen beginne die Kreislaufwirtschaft jedoch nicht erst auf dem Sammelhof, sondern schon bei der Herstellung und beim Konsum. Mit den Worten des BAFU: «Der umweltschonendste Abfall ist derjenige, der gar nicht erst entsteht.»


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