Paare, die sich ohne Dating-App ins «Netz» gingen

Wie lernte man sich früher ohne Dating-Apps kennen? Eine Frage, die mitunter Romy und Isidor Lustenberger beantworteten, die sich 19?? in der Kirche in Luthern Bad das Ja-Wort gegeben haben. Foto Stefan Bossart
Walzer, Foxtrott oder Polka: Wer die Tanzschritte nicht beherrschte, hatte es früher bei der Partnersuche schwer. Drei Paare erzählen, wie sie sich einst kennen und lieben gelernt haben.
Im 3/4-Takt den Himmel auf Erden erlebten Hans und Bertha Schumacher. Damals, 1963 an der Teilneuinstrumentierung der Musikgesellschaft Reiden. «Ich packte die Chance, die sich mir bot», sagt Hans Schumacher und lacht. Wenn er die junge hübsche Altishoferin schon einmal in den Armen halten durfte, wollte er sie nicht mehr hergeben. Denn «ufgfalle», das sei ihm die in der Schneiderei im Reider Oberdorf arbeitende Altishoferin schon zuvor. Bis anhin hatte er ihr aber nur «hendenoche gluegt». Diese Rolle sollte Bertha am besagten Abend respektive in den frühen Morgenstunden übernehmen.

Den Zug verpasst wurde sie von Hans mit dem von seiner Schwester geliehenen Fahrrad nach Hause gebracht. «Ich habe dem bis heute feschen Kärli lange nachgewinkt», sagt Bertha Schumacher. Was am darauffolgenden Tag mit einem Treffen und dem ersten Kuss an der Dagmerseller Kilbi seine Fortsetzung fand, führte die beiden 1966 vor den Traualtar. In der damals neu erbauten Rickenbacher Kirche läuteten die Hochzeitsglocken, bevor das Paar in Frenkendorf ihre erste gemeinsame Wohnung bezog. Jahre später gings zurück in die Heimat. Statt im Baselbiet vertrug Hans Schumacher fortan die Post in Nebikon und konnte sich gemeinsam mit seiner Frau einen lang gehegten Wunsch erfüllen: Den Erwerb eines Eigenheims. «Mittlerweile sind wir 60 Jahre verheiratet», sagt Bertha Schumacher. Ein Jubiläum, welches sie und Hans mit ihren drei Töchtern, drei Schwiegersöhnen und fünf Enkelkindern gebührend gefeiert haben. «Der Tanzkurs, den ich einmal mit meinen drei Kollegen in Zofingen besucht habe, hat sich definitiv gelohnt», sagt Hans Schumacher und blickt liebevoll zu seiner Bertha.
Von Posthalters Isidor und krähenden Güggeln
Getanzt. Dies wurde auch hinten im Luthern Bad. Im Saal des Hirschen spielte eine aus Tirol stammende Kapelle auf und die ganze Dorfjugend war vor Ort. Unter den Gästen befand sich die junge Romy Fischer, was dem Posthaltersohn Isidor Lustenberger nicht entging. «Obwohl sie aus der nur fünf Kilometer entfernten Hofstatt stammte, sah ich sie an diesem Abend zum ersten Mal», sagt er. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben. Dafür sorgte Isidor. «Ugattelig» oft habe man ihn die Wochen nach dem Anlass in der Nähe des Hofs seiner späteren Herzdame angetroffen, bis er schliesslich am Tisch der elfköpfigen Familie sass und sich den von Romy Mutter selbst geräucherten Schinken zu Gemüte führte.

Dafür packte er beim Heuen oder im Stall mit an, griff mit dem Schwiegervater in Späh zu dessen geliebten Jasskarten und fand dabei auch die Zeit, mit seiner Romy «e chli z chüderle». Spätestens als er im Winter mit zwei Paar Skis auf dem Dachträger seines weissen Mini Cooper S das Tal verliess, war es auch dem letzten klar: Die Romy und der Isidor sind ein Paar. Am 12. Mai 1979 läuteten im Luthern Bad für sie die Kirchenglocken. Hier, wo sie ihre eigene Familie gründeten und als Posthalterpaar wohl den einen oder anderen Liebesbrief von der einen auf die andere Talflanke weiterleiteten. «Unsere Geschichte ist nichts Besonderes, sondern ein Abbild der damaligen Zeit», sagt Romy Lustenberger und fügt an: «Ob Viehschau, Musikabend oder Maskenball – damals entstanden viele Beziehungen an Dorffesten in der nächsten Umgebung.» Der Grund dafür liege auf der Hand. «Die wenigsten hatten ein Auto. Das Ausgangsrayon endete, wo der Weg mit dem Velo oder Töffli zu anstrengend wurde.» Apropos Ausgang: Spielte die Tanzkapelle zum letzten Lied auf, war noch lange nicht Schluss. Einen Kaffe oder gar eine Rösti am Küchentisch – nach dem Fest, war vor dem Fest. Gesellig sei es auf den Höfen zu und her gegangen. «Meist hatte der Güggel schon gekräht, bevor Ruhe einkehrte», sagt Romy Lustenberger.
Via Strassenverkehrsamt und Bischofssitz ins Glück
Den ersten Kaffee beim «Frölein Dällenbach» zu Hause trinken? Keine leichte Aufgabe. Vor allem, wenn man wie Alban Siegfried die Adresse der «hübschesten aller hübschen Emmentalerinnen» nicht hatte. Doch beginnen wir von vorne. 1965 war es, als der aus Solothurn stammende Alban das Gewehr schulterte und gemeinsam mit einem Kollegen «as Änd vor Wält» fuhr. Zuhinterst im Heimisbacher Graben befand sich das Schützenhaus, wo er einen Volltreffer landen sollte. Denn hier sass es, das «Frölein Dällenbach». Es verkaufte jene Munition, die Alban am Emmentaler Schützenfest neben einem Kranz die Liebe fürs Leben einbrachte.

«Ihre rehbraunen Augen zogen und ziehen mich bis heute magisch an», beginnt Alban auf der Terrasse der Eigentumswohnung in Wauwil über seine erste Begegnung mit seiner Frau Berti zu schwärmen. Er handelt sich dafür einen Knuff in die Seite ein, bevor er weitererzählen kann. «I ha ned lang müesse öberlege», sagt der heute 85-Jährige. Schnell habe er am Abend in der Schützenstube Messer und Gabel auf die Seite gelegt, als die Tanzmusik zu spielen begann. Obwohl Berti mit ihren Eltern auftauchte, entführte er sie aufs Parkett, sass später mit ihr an den Tisch.... und vergass, sie nach ihrer Adresse zu fragen. Gottlob hatte seine Auserwählte am Abend ihren eingravierten Schlüsselbundanhänger auf die Festgarnitur gelegt. BE 53418 – die Nummer hatte sich der bis über beide Ohren verliebte Junggeselle gemerkt. «Via Strassenverkehrsamt kam ich letztlich zum Ziel, respektive zur Adresse von Berti», sagt Alban Siegfried. Mit «Liebes Frölein Dällenbach» begann der mit 40 Rappen frankierte Brief, den (s)eine Emmentalerin per Post zugestellt bekam. Und ja. Der von ihm gewünschte Besuch war sowohl Berti als auch ihren Eltern genehm. Letztere gaben von Beginn an den Segen zu einer Beziehung, für welche die beiden zwei Jahre später am Solothurner Bischofssitz vorsprechen mussten. Ein Katholik will eine Reformierte heiraten? «Ich musste versprechen, dass ich die Kinder im richtigen Glauben aufwachsen lasse», sagt Berti, lacht und meint: «Üsi zwöi si so oder so rächt usecho.»

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