Mit Feingefühl gegen die Angst vor dem Zahnarzt

Paskal Krasnic, Mitinhaber der Zahnärzte Reiden, setzt bei Menschen mit Zahnarztangst auf Feingefühl, Vertrauen und individuelle Behandlung.
Foto zvg
Angst vor dem Zahnarzttermin ist weit verbreitet. Paskal Krasnic, Mitinhaber der Zahnärzte Reiden war einst selbst Angstpatient. Anlässlich des heutigen Tags der Zahngesundheit erzählt er, wo die Wurzeln der Phobie liegen und wie er in der Praxis versucht, Angst zu minimieren.
Hatten Sie jemals Angst vor dem Zahnarzt?
Paskal Krasnic: Als Kind war ich selbst Angstpatient. Der Umgangsstil meines damaligen Zahnarztes war wie damals leider üblich nicht sehr zimperlich – durch ein Gewalterlebnis erlitt ich ein Trauma. Dieses konnte ich jedoch gemeinsam mit meinen Eltern aufarbeiten – heute sitze ich angstfrei bei der Zahnkontrolle.
Wieso wollten Sie nach einem solchen Erlebnis selbst Zahnarzt werden?
Durch meine Erfahrung begann ich, mich mit dem Feld der Zahnmedizin zu befassen. Eine Behandlung mit mehr Feingefühl muss doch möglich sein, dachte ich mir – dies war mein Ansporn. 2017 schloss ich meinen Master ab. Seit 2018 arbeite ich in der Zahnarztpraxis Gunzwil, die ich 2020 übernehmen durfte. Seit 2025 bin ich gemeinsam mit meinem Kollegen Kujtim Memedi Inhaber der Zahnärzte Reiden.
Inwiefern sind Sie auf Angstpatienten spezialisiert?
Ich habe mich in das Thema vertieft und viel dazu gelesen. Bezüglich neuer, angstmildernder Methoden informiere ich mich fortlaufend. Eine offizielle Fachzahnarzt-Spezialisierung für Menschen mit Zahnarztangst gibt es in dieser Form nicht. Doch sowohl in Reiden als auch in Gunzwil legen wir in der Praxis einen Behandlungsschwerpunkt. Das Thema ist bei uns stets präsent – von der Rezeptionistin über die lernende Dentalassistentin und Dentalhygienikerin bis zu den Ärzten sind alle sensibilisiert.
Wieso ist die Angst vor dem Zahnarzttermin in der Gesellschaft so verbreitet?
In einer 2023 im Swiss Dental Journal veröffentlichten Umfrage gaben 13 Prozent der Befragten an, ziemlich oder sehr grosse Angst vor einer Zahnbehandlung zu haben. Oft ist eine mit Schmerz verbundene Erfahrung in der Vergangenheit der Auslöser. Hinzu kommt die besondere Behandlungssituation: Der Mund ist ein sehr persönlicher und verletzlicher Bereich. Die Patientin oder der Patient liegt zurückgelehnt, sieht kaum, was geschieht, und kann während der Behandlung nur eingeschränkt kommunizieren.
Welche Folgen birgt eine Dentalphobie?
Offensichtlich ist die Vermeidung: Kontrollen werden ausgelassen – kleinere Probleme bleiben unbehandelt, bis Schmerzen, Infektionen oder umfangreichere Schäden entstehen. Später notwendige Behandlungen werden folglich komplexer und teurer. Es entsteht ein Kreislauf aus Angst, Vermeidung, Verschlechterung und Scham.
Wie sehr kann dies die Lebensqualität beeinträchtigen?
Betroffene lachen teilweise nicht mehr unbeschwert, verdecken beim Sprechen den Mund und meiden soziale Situationen. Der Selbstwert leidet. Doch den typischen Angstpatienten gibt es nicht: Während ich in einigen Mündern nur noch Stummel vorfinde, pflegen andere ihre Zähne extra fürsorglich. Der äussere Zustand lässt nicht auf die Stärke der Angst schliessen. In jedem Fall bedarf es grosser Sensibilität.
Können auch Kinder, welche noch keine Berührungen mit Zahnärzten gemacht haben, Angst entwickeln?
Tatsächlich. Dies liegt oft an expliziten Erzählungen der Eltern. Wenn ein Fünfjähriger von Zangen, Spritzen, Betäubung und Schmerzen hört, entsteht Kopfkino mit Folgen. Um Albträume und Widerstände zu vermeiden, sollte der Zahnarztbesuch normalisiert werden – ohne Horrorszenarien zu zeichnen. Kindern respektvoll zu begegnen und ihnen positive Erfahrungen zu ermöglichen, liegt mir besonders am Herzen – auch in meiner Freizeit als Trainer der Junioren beim FC Schenkon.
Was sieht bei Ihnen anders aus als in anderen Praxen?
Die medizinische Grundausstattung ist vergleichbar. Der Unterschied liegt im besonderen Augenmerk auf die gesamte Patientenerfahrung. Am Empfang werden Patientinnen und Patienten namentlich begrüsst, ins Wartezimmer und anschliessend in den Behandlungsraum begleitet. Ich begrüsse Patientinnen und Patienten noch ohne Mundschutz und Handschuhe und führe Gespräche immer auf Augenhöhe. Ich trage keinen weissen Kittel, sondern meist ein farbiges Polohemd – Farben und Casual Look wirken vertrauenserweckend.
Reicht das allein, um das Vertrauen des Patienten zu gewinnen?
Kommunikation und Empathie sind die wichtigsten Fähigkeiten. Zuerst führe ich ein wenig Small Talk. Meist weiss ich im Vorfeld, wenn ein Angstpatient vor mir sitzt. Dann frage ich nicht nur, ob jemand Angst hat, sondern was diese Angst auslöst und was Sicherheit geben könnte. Danach gestalten wir den Termin gemeinsam. Die Patientin oder der Patient entscheidet mit, was möglich ist und welches Tempo sich richtig anfühlt.
Was können Sie Patientinnen und Patienten anbieten?
Je nach Wunsch drehen wir die Musik leiser. Auch Kopfhörer und Augenbinden können Patientinnen und Patienten tragen, um Reize zu minimieren. Schürt der Praxisgeruch Angst, öffnen wir die Fenster. Spritzen, Zangen oder scharfe Gegenstände decken wir vor und nach der Behandlung ab.
Wie genau teilen Sie die einzelnen Schritte der Behandlung mit?
Im Vorfeld erläutere ich den Eingriff. Konkrete Begriffe wie «Spritze» meide ich und spreche stattdessen von «Anästhesie». Während des Eingriffs haben alle unterschiedlichen Bedürfnisse: Die eine Person möchte jeden Behandlungsschritt genau erklärt haben, eine andere benötigt Ruhe, Ablenkung oder regelmässige Pausen.

Wir Zahnärzte sind keine Götter in Weiss, die allein bestimmen, was wann geschehen muss.
Kommen auch besondere Instrumente zum Zug?
Wir verwenden möglichst geräuscharme Werkzeuge. Mit Oberflächenanästhesie-Spray betäuben wir erst die Schleimhaut, was Schmerzen lindert. Ein Kofferdamtuch verhindert, dass sich während der Behandlung viel Speichel im Rachen sammelt. Zudem sind alle unsere Ärztinnen und Ärzte dahingehend geschult, unangenehme und unvorhersehbare Berührungen zu minimieren – auch das kann verunsichern.
Zunehmend setzen auch Schweizer Zahnärztinnen und Zahnärzte auf Lachgas – zählen Sie dazu?
Auf Wunsch, ja. Lachgas und Narkosen versuche ich jedoch möglichst zu vermeiden, da auch sie Nebenwirkungen mit sich bringen können. Bei starker Angst können vorgängig eine psychologische Begleitung oder Hypnose hilfreich sein. Auch angstlösende Medikamente können in Absprache mit dem Hausarzt eine Option sein. Von Alkohol oder selbst eingenommenen Beruhigungsmitteln vor der Behandlung ist hingegen abzuraten. Für Ablenkung während der Behandlung sorgt auf Wunsch der Bildschirm über dem Behandlungsstuhl.
Der Blick in den Mund ist sehr intim. Was erfahren Sie dabei über einen Menschen?
Entzündungen, Mundatmung, Knirschspuren, Folgen von Medikamenten und Ernährungsgewohnheiten sind sichtbar. Was ich jedoch stärker wahrnehme, ist die persönliche Leidensgeschichte. Gerade weil der Mund so intim ist, braucht es Zurückhaltung und Respekt. Wichtig zu wissen ist: Vor einem Zahnarzt muss sich niemand für schlechte Mundhygiene schämen. Ich habe bereits vieles gesehen und habe einen fachlichen Blick. Ekel empfinde ich nie.
Welche Rückmeldung erhalten Sie von Patientinnen und Patienten?
Dankbarkeit erlebe ich täglich – sei es positives Feedback direkt nach der Behandlung oder in Form von E-Mails und Postkarten. Der eigentliche Erfolg zeigt sich darin, dass eine Person Vertrauen fasst, Folgetermine wahrnimmt und die begonnene Therapie fortsetzt. Einige Patientinnen und Patienten aus dem Raum Zürich oder Bern nehmen dafür sogar lange Fahrten auf sich.
Welchen ersten Schritt empfehlen Sie Menschen, die ihre Zahnarztangst überwinden möchten?
Es lohnt sich, mit Personen zu sprechen, die auch positive Erfahrungen bei der Zahnärztin oder beim Zahnarzt gemacht haben. Gehen Sie ins Internet und recherchieren Sie: Die Möglichkeiten für angstärmere Eingriffe sind grösser als noch vor wenigen Jahren. Auch das Gespräch mit einer Psychologin oder einem Psychologen kann helfen. Meine Erfahrung zeigt jedoch: Wer sich bei uns meldet, hat die erste wichtige Schwelle bereits überwunden. Gemeinsam finden wir eine Lösung und schaffen den Weg zur Behandlung. Das muss nicht bei der ersten Sitzung geschehen –ein Gespräch oder eine kurze Kontrolle ist bereits ein grosser Erfolg.
Wird eine Behandlung durch das angepasste Tempo folglich teurer?
Durch die längere Behandlungszeit kann es etwas teurer werden, ja. Doch für Menschen mit Zahnarztangst sind eine angenehmere Behandlung und die Linderung ihres Leidens diesen Mehraufwand wert. Wir behandeln aber auch Patienten ohne Trauma oder grosse Ängste, bei denen keine längeren Vorgespräche nötig sind. Auch dort achten wir auf das Wohlbefinden – ziehen Termine aber nicht unnötig in die Länge.
Sind Schweizer Zahnärztinnen und Zahnärzte auch heute noch zu wenig für Angstpatientinnen und Angstpatienten sensibilisiert?
Ich denke schon. Dies ist jedoch nicht die Schuld der einzelnen Ärztinnen und Ärzte, sondern liegt an Veränderungen in der Branche. Grosse Praxen versuchen vermehrt, möglichst viele Patientinnen und Patienten in kurzer Zeit «abzufertigen». Der Mensch dahinter kommt oft zu kurz – was sehr schade ist. Oft weiss das Personal auch nicht, wann ein Angstpatient auf dem Stuhl Platz nimmt, und kann die Behandlung nicht entsprechend anpassen.
Was können Zahnärztinnen und Zahnärzte sofort tun, um ihren Patienten mehr Sicherheit zu geben?
Das Vereinbaren eines Stoppsignals ist wohl die einfachste Möglichkeit, einem Patienten das Gefühl von Kontrolle zu geben: Hebt er die Hand, unterbreche ich die Behandlung sofort. Wir Zahnärzte sind keine Götter in Weiss, die allein bestimmen, was wann geschehen muss. Legen wir das Zepter zurück in die Hände der Patientinnen und Patienten.
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