Im Wilden Westen - die WB-Sommerserie 2020

So fern und doch so nah

Balsam für die Seele: Solchen liefert Ulrich «Ueli» Birrer mit seinem Alphorn. Ob vor dem Altersheim oder am Waldrand über dem Tal: Täglich spendet der 70-Jährige mit tröstlichen Melodien Zuversicht in dieser schwierigen Zeit.

Ulrich "Ueli" Birrer beim Alphornspiel im Park des Alterszentrum Blumenheim. Foto Walter Wülser

Aus der Ferne nah sein: Was schön klingt, ist eine Herausforderung. Zu spüren bekommt man das gerade in diesen Tagen besonders deutlich. Ein Lächeln über den Tisch hinweg wirkt mehr als über den Bildschirm. Eine Umarmung in Worten ist nicht die gleiche wie mit Taten. Aus der Ferne nah sein: Ueli Birrer schafft das bestens. Die Melodien, die er seinem Alphorn entlockt, finden ihren Weg in so manches Dorf, Quartier, Haus, Herz. «Der Ton des Alphorns braucht die Distanz», sagt der Nebiker. «Es ist meine Art und Weise, dazu beizutragen, diese Krise zu überstehen.» Seine Art und Weise. Alle, die den herzlichen 70-Jährigen kennen, wissen, dass das nur etwas sein kann: das Alphorn.

Ein Instrument der Seele
Seit unglaublichen 53 Jahren gehört das Alphorn zu Birrers Leben. Für ihn ist es mehr als bloss ein Instrument: Das Alphorn war ihm eine Konstante in bewegten Zeiten. Es zeigte ihm die Farben des Lebens, als seine Welt im Dunkeln lag. Es gab ihm Inhalt, als ihn die Leere auffrass. Es gab ihm Halt, als er schier den Boden unter den Füssen verlor. «Das Alphorn gab mir in meiner schweren Depression etwas von meiner Stärke zurück», sagt Birrer. Durch die Krankheit habe er erst richtig Zugang zu dem Instrument gefunden. «Das Alp­horn ist ein Instrument der Seele – erst wer sich selbst richtig kennt, wird ihm gerecht.» 
Nach arbeitsintensiven Jahren als Landwirt, nach Scheidung und anderen Turbulenzen hat das Alphorn Ulrich Birrer durch die Depression wieder zu sich selbst zurückgeführt. «So ist das Musizieren zu einer Art Berufung für mich geworden», sagt der gebürtige Luthertaler. Er beherrscht das Instrument entsprechend: Jede Stimme kann er spielen, mindestens 50 Stücke kennt er auswendig. Mit seinem Alphorn war er schon an unzähligen Orten zu Gast – vor rund zwei Jahren spielte er gemeinsam mit Kollegen sogar für den Papst höchstpersönlich.

Ständchen vor dem Altersheim
Wenn das Coronavirus nicht für einen Ausnahmezustand gesorgt hätte, so wäre Ueli Birrer erst vor einigen Tagen von einer musikalischen Flussfahrt zurückgekehrt – regelmässig wird er mit seinem Alphorn für diese Art Kurzreisen gebucht. Wenn das Wörtchen wenn nicht wär'... Doch dass die Reise und weitere nun abgesagt sind, darüber ist Birrer beinahe froh: «Wäre es anders, so wäre ich die letzten Wochen nicht vor Ort gewesen, um den Leuten mit meinem Alphorn einige Glücksmomente zu bescheren.» Das sind keine leeren Worte: «Ich wurde von der Leiterin des Alterszentrums Blumenheim angefragt, ob ich ab und zu ein Ständchen spielen könnte.» Seither reist Birrer alle zwei, manchmal alle drei Tage nach Zofingen, um im Park des Heims eine halbe Stunde zu musizieren, oft erhält er Unterstützung von Musiker-Freunden. «Die Dankbarkeit, die uns entgegengebracht wird, rührt mich immer wieder», sagt er. «Kaum entlocken wir unseren Ins­trumenten die ersten Töne, öffnen sich die Fenster, alle Terrassen und Balkone sind besetzt, die Leute juchzen und klatschen – das geht mir sehr nahe.» Und nicht nur ihm: Einige Bewohner seien jeweils so gerührt, dass ihnen Tränen über die Wangen laufen würden, so Ueli Birrer.

Beim Singen eines Geburtstagsständchens. Foto Walter Wülser

Zeichen der Solidarität
Mittlerweile sind weitere Heime auf Birrers Engagement aufmerksam geworden. «Ich habe bereits etliche Anfragen bekommen – sogar von einem Heim in Meggen.» Die Alphorn Vereinigung Pilatus Kriens hat derweil alle Alphornbläser dazu aufgerufen, jeden Dienstagabend um 19 Uhr im eigenen Garten als Zeichen der Solidarität ein Ständchen zu spielen. «Wenn ihr die Klänge hört, denkt an alle, die gesundheitlich oder wirtschaftlich betroffen sind, das Haus nicht verlassen dürfen oder Tag und Nacht im Einsatz sind», schreibt die Vereinigung auf dem zugehörigen Flyer.

«Ich bin für dich da»
Ueli Birrer ist überzeugt: «Das Alphorn als uraltes Kommunikationsmittel hält in dieser Krise Aufschwung.» Und was kommuniziert es? «Ich bin für dich da, ich habe dich nicht vergessen.» Balsam für die einsame Seele. «Deshalb stehe ich tagtäglich irgendwo, um allen diese Botschaft zu vermitteln.» Und wenn im Wind die warmen Töne des Alphorns mitschwingen, die sich den Weg in so manches Dorf, Quartier, Haus und Herz bahnen, dann steht «Alphorn-Ueli» vielleicht wieder irgendwo am Waldrand. Weit weg. Und doch so nah.

Chantal Bossard

Vom Waldrand aus finden Ueli Birrers Alphornklänge ihren Weg in so manches Dorf, Quartier, Haus, Herz. Foto Ueli Birrer

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