«Wir müssen jetzt offen und flexibel sein.»

Während sein Gegenüber  Arbeit sucht, häufen sich bei ihm die Anfragen. RAV-Berater Bernhard Bucher betreut über 50 Prozent mehr Arbeitslose als im Vorjahr. Trotzdem bleibt er optimistisch.

RAV-Berater Bernhard Bucher und sein Team sind zum Teil telefonisch in Kontakt mit ihren Klienten. Foto ibs

Das Coronavirus bremst die Wirtschaft aus. Viele Stellen sind unsicher. Aktuell sind im Kanton Luzern 59 Prozent mehr Frauen und Männer arbeitslos als im Vorjahresmonat. Im März stieg die Zahl rasant an. Inzwischen hat sie sich auf hohem Niveau eingependelt. In den Monaten Juni, Juli und August waren in unserem Kanton rund 5500 Personen arbeitslos gemeldet. Besonders betroffen seien Arbeitnehmende aus der Gastronomie, dem Detailhandel und der Tourismusbranche, sagt RAV-Berater Bernhard Bucher. Er leitet die Regionale Arbeitsvermittlungsstelle in Wolhusen und betreut gemeinsam mit seinem Team die Stellensuchenden aus 25 Gemeinden, darunter jene aus den Wahlkreisen Willisau und Entlebuch. Um die vielen neuen Dossiers zu bewältigen, ergänzt seit Juli ein zusätzlicher Berater das Team. Pro Tag berät jeder Mitarbeitende zwischen fünf und sieben Stellensuchende. Das sind mehr als üblich. Viele Kontakte erfolgen per Telefon. Während dem Lockdown war das unumgänglich. Es fanden keine Gespräche im Beratungszentrum statt. Inzwischen ist das wieder möglich, doch nicht in jedem Fall notwendig. «Eine Gesetzesänderung erlaubt uns neu auch Telefonberatungen.» Der RAV-Mitarbeiter unterstützt bei der beruflichen Orientierung, vermittelt Kurs- und Stellenangebote und macht auf Rechte und Pflichten aufmerksam. Ziel sei eine möglichst rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, sagt Bernhard Bucher. Damit dies gelinge, brauche es Flexibilität. Er empfehle seinen Klientinnen und Klienten auch in verwandten Berufen nach Stellen zu suchen oder temporär in einer anderen Branche zu arbeiten. Wichtig sei ein lückenloser Lebenslauf, insbesondere für junge Menschen. Die 17- bis 25-Jährigen sind von der aktuellen Krise besonders betroffen. Diese Altersgruppe habe die unsichersten Verträge. Viele Arbeitsverhältnisse seien befristet, die jungen Menschen absolvieren Praktikas oder sind in Ausbildung. Auch für Lehrabgänger ist die Situation nicht einfach. Überdurchschnittlich viele konnten nicht in ihrem Lehrbetrieb weiterarbeiten. Auch nach dem Studienabschluss ist es im Moment schwieriger einen Job zu finden. Das erkläre den Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, sagt Bernhard Bucher. Kaum verändert hat sich hingegen die Zahl der Arbeitslosen über 50 Jahren.


Die Dynamik auf dem Stellenmarkt
Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist angespannt. Dennoch könne er seinen Klienten Hoffnung machen und neue Wege aufzeigen. «Es gibt noch immer viele offene Stellen.» Die Mehrheit der Arbeitslosen finde innerhalb von wenigen Monaten einen neuen Job. Manchmal gäbe es auch unkonventionelle Lösungen. Firmen mit überdurchschnittlich viel Arbeit übernehmen vorübergehend Personal von Unternehmen, die ihre Angestellten nicht beschäftigen können. «Solche Beispiele zeigen die Solidarität in diese aussergewöhnlichen Zeit.» 

Neben Arbeitnehmenden wenden sich auch Arbeitgeber mit Fragen ans RAV. «Wir wurden für sie in der Coronakrise vermehrt zur Anlaufstelle.» Diese neue Rolle sei gut fürs Image des RAV. «Wir rückten mehr in den Fokus und konnten uns in der Krise als zuverlässigen Dienstleister beweisen.» Der grosse Ansturm habe sie gezwungen, Abläufe effizienter zu gestalten. «Im Bereich der Digitalisierung haben wir beispielsweise innerhalb von wenigen Monaten einen grossen Schritt nach vorne gemacht.»


Die Zukunftsperspektiven
Immer wieder war in den vergangenen Monaten in den Medien von einer möglichen Entlassungswelle im Herbst zu lesen. Er sei optimistisch, dass der schlimmste Fall nicht eintreffe, sagt Bernhard Bucher. «Im Moment ist es ruhig auf dem Arbeitsmarkt.» Doch die Unsicherheit bleibe trotz konstanter Arbeitslosenzahlen. «Niemand kann sagen, wie sich die Situation entwickelt.» Das belaste Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Er hoffe auf einen baldigen Impfstoff gegen das Virus. «Damit könnte sich die schwierige Wirtschaftslage meiner Meinung nach entspannen, alles käme wieder in Bewegung.» Doch so weit ist die Forschung noch nicht. «Bis dahin müssen wir versuchen die Durststrecke zu überbrücken.»

In unserer Region gibt es viele KMU. Das trage zur relativ stabilen Situation bei. «Massenentlassungen hat es bis jetzt vor allem bei grossen internationalen Konzernen gegeben.» Das täusche aber nicht darüber hinweg, dass die Krise auch das WB-Lesergebiet hart treffe.  


Der Optimismus
Der Verlust der Stelle sei für viele sehr belastend. Mit der Arbeitslosigkeit gehen oft Existenz- und Zukunftsängste einher. «Ich habe auch dafür ein offenes Ohr.» Er zeige Verständnis und gehe auf Sorgen ein. Wichtig sei dabei, trotz allem den Blick nach vorne nicht zu verlieren. Es sei seine Aufgabe, den Klientinnen und Klienten Mut zu machen und Chancen aufzuzeigen. «In dieser Ausnahmesituation gehen oft neue Türen auf.» Das erlebe er in seinem Alltag regelmässig. «Optimismus und Offenheit sind das beste Rezept, um sich schnell wieder in die Arbeitswelt einzugliedern.»

 

Irene Zemp-Bisang

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