Fünf Tage voller vielfältiger Klänge

Ein Hotspot für Livemusik: Das ist das Jazz Festival Willisau seit bald fünf Jahrzehnten. Die kommende Ausgabe wartet mit einer Mischung von internationalen Stars und einheimischen Grössen auf.

Links: Schlagzeuger Asher Gamedze, ist in zwei Formationen vertreten am Festival. Rechts: Simone Felbers "iheimisch", von links: Rafael Jerjen, Simone Felber, Polina Niederhauser und Adrian Würsch. Fotos Danny Valley / Christian Felber
 

Vom 28. August bis 1. September bietet das Jazz Festival Willisau wieder ein musikalisch vielseitiges und abwechslungsreiches Konzertprogramm. Das Festival präsentiert nicht nur internationale Künstlerinnen und Künstler aus den USA, England, Schweden oder Südafrika, sondern rückt auch immer wieder die vielfältige heimische Musik aus allen Regionen und Sprachgebieten des Landes ins Rampenlicht.

Das Festival wird dieses Jahr von zwei Trios eröffnet. Zum einen von Helveticus, einem Ensemble, das drei der renommiertesten Jazzmusiker der Schweiz vereint. Samuel Blaser, Daniel Humair und Heiri Känzig schaffen gemeinsam ein musikalisches Erlebnis, das berauscht und bewegt. Ihre Auftritte sind geprägt von intensiver Improvisation, feinem Zusammenspiel und einer tiefen musikalischen Kameradschaft.

Ebenso intensiv spielt das Trio Space um die schwedische Pianistin Lisa Ullén, die letztes Jahr leider nicht anreisen konnte.
 

Eine Jazz-Legende neu interpretiert

Im Jahr 1977, als sein Album «Pharoah» veröffentlicht wurde, trat Pharoah Sanders am 3. Jazz Festival Willisau auf – sein erster Auftritt in der Schweiz. Bei diesem Konzert spielte Sanders auch das Stück «Harvest Time». 2023 wurde das Album «Pharoah» in einer Neuauflage wiederveröffentlicht. In diesem Zusammenhang entstand «The Harvest Time Experiment», das nun auch in Willisau zu hören ist. Dieses Projekt ist eine Ad-hoc-Band, die Sanders' Komposition «Harvest Time» neu interpretiert. Neben dem legendären Originalgitarristen des Albums, Tisziji Muñoz, und dem musikalischen Leiter Joshua Abrams aus Chicago von der Band Natural Information Society, sind je nach Austragungsort verschiedene internationale Musikerinnen und Musiker beteiligt. In Willisau wird das Duo durch Ill Considered ergänzt. Ein Trio aus London, das für seinen groovigen und melodiösen Impro-Jazz bekannt ist. Zudem wird die britische Trompeterin Sheila Maurice-Grey, bekannt als Leiterin der Londoner Jazz-Afrobeat-Band Kokoroko, mitspielen. Nicht zuletzt wird das Ensemble mit zwei profilierten Schweizer Musikern ergänzt: Saxophonist Christoph Erb und Pianist/Keyboarder Hans Peter Pfammatter. Festivalleiter Arno Troxler hat sie vorgeschlagen. «Beide kennen Chicago und die dortige Jazz- und Improszene, zu der auch Harvest Time-Initiant Joshua Abrams gehört.»

Im «The Harvest Time Experiment» ebenfalls dabei ist der südafrikanische Schlagzeuger Asher Gamedze, der am Festival auch mit seiner eigenen Formation vertreten ist. Sein Quartett Turbulence and Pulse – welches am Freitag Abend die Festhalle Willisau bespielt – erinnert mit seiner Musik daran, wie widerständig und sozial engagiert Jazz sein kann. Gamedzes Musik widerspiegelt die turbulente Gegenwart mit all den Kriegen, Umwälzungen und Unterdrückungen.

Das Who is Who der aktuellen Avantgarde vereint das Projekt Filamental der in Berlin lebenden Pianistin und Komponistin Magda Mayas. Die Ensembleleiterin, welche auch an der Hochschule Musik in Luzern doziert, hat in den vergangenen 25 Jahren ein Repertoire entwickelt, das sowohl das Innere als auch das Äussere des Klaviers nutzt: Sie verwendet Verstärker, Präparate und weitere Objekte, die zu Erweiterungen des Instruments selbst werden. Filamental wird unter anderem mit Christine Abdelnour, Rhodri Davis, Michael Thieke oder Zeena Parkins international hochkarätig ergänzt.

«Refract» ist das neue Trio-Konzept von Tyler Gilmore, auch bekannt als BlankFor.ms, welches am Samstagabend in Willisau zu hören sein wird. «Refract» ist ein ungehemmtes Klangwunder, das Elektronik, Klavier und Schlagzeug in Echtzeit kombiniert. Durch Loops, die spontan aufgenommen wurden, und die erneute Beaufschlagung der Klangebenen mit verschiedenen Effekten, entstehen bei «Refract featuring BlankFor.ms, Marcus Gilmore, Aaron Parks» Klänge und Energien, wie man sie selten zuvor gehört hat.
 

Hochkarätige Schweizer Acts

Etwas andere Töne in Willisau anspielen werden auf der Zeltbühne Simone Felbers «iheimisch» und Siselabonga.

Das rhythmische Fundament von Siselabonga, eine Band aus der Schweiz und dem Senegal, ist durch und durch westafrikanisch, in das sich ausgewählte Elemente aus Hip-Hop, Soul, Afrobeats und Elektro-Pop einfügen.

Simone Felber ist eine der prominentesten Stimmen der neuen Schweizer Volksmusik. Gemeinsam mit den renommierten Rafael Jerjen, Polina Niederhauser und Adrian Würsch erforscht die Jodlerin, Songwriterin und Chorleiterin Simone Felber die Potenziale dieser Musikrichtung auf der Zeltbühne.

Das Quartett Kush K geht seit jeher seinen eigenen Weg in der schweizerischen Pop-Landschaft. Dieses Jahr führt sie dieser in den Late Spot, wo Kush K am Samstag um Mitternacht spielt. Die Band um Sängerin Catia Lanfranchi schafft es zwischen Radiopräsenz und Underground-Credibility einen Platz gefunden zu haben, der keinerlei Verbiegungen und Kompromisse nötig macht. An Schlagzeug und Bass sitzt Jonas Albrecht, der in Willisau aufgewachsen ist und bereits als Teenager begonnen hat, am Festival mitzuhelfen.

Seit mehreren Jahren experimentiert das Schweizer Duo Marina Tantanozi und Silvan Schmid miteinander. Das Duo ist Teil der Konzertreihe «Intimities», die in der Willisauer Rathausbühne jeweils einen etwas heimeligeren Rahmen bildet. Die griechisch-schweizerische Wahl-Baslerin Tantanozi und der Zürcher Schmid begeben sich im freien Fall auf die Suche nach imaginären Ebenen, um die Grenzen des Vorhersehbaren durch Improvisationen mit Flöten, Trompete, Verstärkung und Effekten zu verschieben.

Mit Sylvie Courvoisier kehrt eine Pianistin nach Willisau zurück, die von der New York Times als «gleichermassen kühn und souverän» beschrieben wird. Die in der Schweiz geborene und in Brooklyn lebende Courvoisier präsentiert am Festivalsonntag ihr neustes Ensemble: das atmosphärische und wandelbare Chimaera. Das Ensemble besteht aus Christian Fennesz an der E-Gitarre/Effektgeräten, Nate Wooley an der Trompete, Drew Gress am Kontrabass sowie den Schlagzeugern Nasheet Waits und Kenny Wollesen, der auch das Vibraphon spielt. Mit dem britischen Elektronikvirtuosen Matthew Herbert und dem Schweizer Schlagzeuger Julian Sartorius, welche im Duo den Sonntagnachmittag beschliessen werden, bildet das Doppelkonzert mit Silvie Courvoisiers Chimaera ein fulminanter Abschluss des diesjährigen Willisauer Jazz Festivals.

pd/WB

Das gesamte Programm, weitere Infos und Tickets: jazzfestivalwillisau.ch.

Am Jazz Festival Willisau soll die Musik im Mittelpunkt stehen. Foto Marco Sieber

«Das Festival soll die Leute überraschen»

Nachgefragt Das Jazz Festival Willisau will auch in diesem Jahr Neuentdeckungen ermöglichen. -Festivalleiter Arno Troxler erklärt, wie dies gelingen soll.

Was erwartet das Publikum Neues am diesjährigen Jazz Festival?

Es gibt heuer keine grossen Veränderungen: Der Rahmen des Festivals ist der gleiche wie gewohnt, der Inhalt dafür auch dieses Jahr neu und frisch.

Das Programm soll also für die -Frische sorgen. Wie stellen Sie dieses zusammen?

Ich betrachte das Programm jeweils über alle fünf Tage des Festivals und möchte es möglichst breit denken: Verschiedene Stile, verschiedene Herkunftsorte, eine Vielfalt von Band-Grössen und möglichst ausgeglichene Geschlechteranteile sollen zur Geltung kommen. Dieses Jahr gibt es Duos bis neunköpfige Bands, die von neuer Volksmusik über spirituellen Jazz bis zur freien Improvisation mit Schlagzeug und Computer alles bieten.

An der diesjährigen Ausgabe greift das Projekt «The Harvest Time Experiment» ein Konzert wieder auf, das die Band um Jazz-Legende Pharoah Sanders 1977 am selben Ort gespielt hat. Ein Programmpunkt nur für Nostalgiker?

Nein. Ich will kein «Retro-Programm» buchen. Das wäre nicht interessant. Das Projekt interpretiert Pharoah Sanders' Komposition neu, sie spielen nicht ein Konzert von damals nach. Die meisten Beteiligten sind denn auch viel jünger als die Band um Pharoah Sanders, der 2022 82-jährig verstorben ist. Mit dabei ist aber Gitarrist Tisziji Muñoz, der in den 70ern die Originalkomposition einspielte.

Dennoch: Mit diesem Konzert knüpft das Festival klar an «früher» an. Weil das so erwartet wird?

Diese Erwartung ist immer da. Manche wünschen sich, dass es «wie früher» wäre – diese Haltung entsteht jedoch erst, wenn etwas vorbei und abgeschlossen ist. Heute ist das Festival eben anders als «früher». Und das ist gut so! Mit «The Harvest Time Experiment» gibt es zum ersten Mal einen bewussten Tribut an ein vergangenes Konzert auf der Jazz-Festival-Bühne.

Zu den weiteren Namen: Einen Schwerpunkt setzen auch nationale Acts. Simone Felber, Siselabonga, Julian Sartorius und mehr treten auf. Warum erhalten Schweizer Künstlerinnen und Künstler diese Plattform?

Damit möchte ich die Nachhaltigkeit des Festivals sichern. Die lokale Szene soll sich angesprochen und eingebunden fühlen. Ich möchte nicht in erster Linie auf vermeintliche Stars und grosse Namen setzen – es gibt auch hierzulande super Musik. Das soll auch unser Publikum mitbekommen. So erhalten gewisse Schweizer Acts zudem die Möglichkeit, auf einer Bühne zu spielen, die grösser ist als gewohnt.

Warum sollten Menschen, die das Festival bisher nicht besuchten, dies mit der kommenden Ausgabe ändern?

Weil sie dann merken, was sie bisher verpasst haben! Nein, im Ernst: Wir bieten ein Festival, an dem die Musik im Mittelpunkt steht, und auf dessen Gelände man gerne verweilt. Ein Anlass, an dem das Publikum Neues entdecken kann – Musik, die es noch nicht von Spotify oder Youtube kennt. Das Festival soll die Leute überraschen – positiv, wie ich hoffe.

Ramon Juchli

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