«Ich war schon als Bub gwondrig»

Wer ist dieser Edwin Felder, der auf Facebook mit seinen detailreichen «Willisouer Gschechtli» für Aufsehen sorgt? Der WB traf sich mit ihm. Und begegnete einem Mann, der auf der ganzen Welt zuhause war − und sich jetzt an seine Geburtsstätte zurückbesinnt.

Edwin Felder ist der Kopf hinter der Facebookgruppe «Du besch vo Willisou wenn». Foto Chantal Bossard

Da. Schon wieder. Edwin Felder hat eine neue Geschichte in die Facebook-Gruppe «Du besch vo Willisou, wenn» gepostet. «E Städtlibueb ond sini Abentür» ist der Text übertitelt. Edwin Felder erzählt vom Hufschmied Hecht, genannt «Fredou», und seinem Handlanger Josef, nur bekannt als «Cestbiengu». «Im Cestbiengu sis Markezeiche esch gseh, de Schlitzohrigi Blick, ond emmer e Cigarette im Mundwinkel wo är bes uf wenigi Milimeter abegraucht hed. Sin Mulegge esch debi med der Zyt emmer dünkler worde ond hed fascht die glichi Farb agno, genau wie sis med Cholestaub verschmierti, emmer schwarzi Gsicht», schreibt Edwin Felder. Fast bildlich kann man sich den Handlanger vorstellen, so lebhaft wird er in der Geschichte beschrieben. Woher weiss Edwin Felder all das? Wer ist er überhaupt? Gemäss seinem Facebook-Profil wohnt er nicht in Willisau und auch auf der Redaktion kennt niemand einen Edwin Felder. Über Facebook nimmt der WB mit ihm Kontakt auf. «Woher ich das weiss? Das ist ganz einfach», sagt Edwin Felder kurz darauf am Telefon, «ich war dabei.» Wer er ist? «Das ist die schwierigere Frage.» Besser wäre ein persönliches Gespräch. Gesagt, getan.

Der Städtlibueb
Schnäuzer, perfekt sitzendes schwarzes Hemd, wache Augen hinter einem dicken Brillenrand. Edwin Felder, 72-jährig, Pensionär und Schreiberling, sitzt im WB-Sitzungszimmer. «Ich bin ein Städtlibueb», beginnt er zu erzählen. Aufgewachsen als Sohn des Sonnen-Wirts Fritz Felder, mitten im Willisauer Geschehen. «Ich war als Drüchäshöch unglaublich gwondrig, wollte überall dabei sein.» So etwa in der hiesigen Schmitte. «Doch aus verständlichen Gründen durfte ich als Kind während dem Beschlagen der Rös­ser nicht dabei sein.» Die Not machte erfinderisch und klein Edwin fand einen Logenplatz für das Spektakel: Er hockte sich vor ein Milchglas-Drahtfenster der Schmitte mit «Guggerli». «Das konnten sie nicht schliessen, da sonst die Luft in der Schmitte zu stickig geworden wäre.» So sah er auf die filmreife Szenerie hinab. «Kaum war die Arbeit gemacht, so lud Fredou seine Kunden zum Znüni oder Zvieri ein. Das war die Gelegenheit für Cestbiengu, ein – eigentlich vom Chef verbotenes – Bier zu zischen.» Zigarette raus, Flasche angesetzt. «Dreissig Sekunden später war sie leer.» Zur Kontrolle, ob ja kein Tropfen von dem wertvollen Gerstensaft mehr übrig ist, hielt Cestbiengu die Flasche kurz ins Gegenlicht. «Und dann wanderte sein Blick jeweils zu mir.» Zum Sohn vom Sonnenwirt. «Bueb, gang hei ond hol mer es Parisienne rond ond dezue es Bier. Seisch i de Serviertochter ech chömi nochhär cho zahle. Aber pass de jo uf, dass dech niemer gseht!» Edwin Felder lacht über diese Erinnerungen. Zahlreiche davon hat er für die Facebook-Gruppe niedergeschrieben.

Der Gruppenadministrator
Edwin Felder war nicht von Anfang an Administrator der Facebook-Gruppe «Du besch vo Willisau wenn …». «Doch nachdem ich der Gruppe beigetreten bin, merkte ich bald, dass sich niemand um die Seite kümmert.» Das wollte er ändern. «Ich finde es schön, wenn solche Anekdoten nicht vergessen gehen.» Um die 50 Geschichten hat er schon gepostet. «Die Ideen dazu kommen mir einfach.» Oft stellt er noch Nachforschungen an, liest Artikel in Archiven oder ruft jemanden an. Auf seine Beiträge kommen jeweils zahlreiche Reaktionen, viele Leute schreiben ihm privat. «Sie erinnern sich plötzlich wieder an Erlebtes aus vergangenen Tagen.» Und Edwin Felder? «Ich fühle mich in meine Kindheit oder Jugendzeit zurückversetzt.» An seinen Geburtsort. Denn: Ausgerechnet er, der so viele kleine lokale Anekdoten kennt, war jahrzehntelang auf der ganzen weiten Welt zuhause.

Der Mann von Welt
1969 erlitt Fritz Felder, 55-jährig, Vater von drei Kindern, Mann von Johanna Felder-Husmann sowie Wirt des Gasthauses Sonne, ein Herzversagen. Edwin Felder hatte dazumal gerade seine Kochlehre in Basel abgeschlossen. «Wie geht es nun weiter?», lautete die vielgestellte Familien-Frage. Weder er noch sein in Neuseeland lebender älterer Bruder trauten sich damals zu, die seit 1880 von der Familie Felder geführte Sonne zu übernehmen. Daher beschloss die Familie 1972 die Sonne an die Nachbars-Wirtsfamilie Arnold zu verkaufen. Und Edwin Felder? Für ihn begannen viele aufregende Jahre in aller Welt: Ägypten, Zypern, Kenia, Israel, Südafrika, Japan, Spanien, Kanada … Die Liste aller Länder, in denen er arbeitete und lebte – manchmal Monate, manchmal Jahre – ist lang. «Zu all dem kam es, weil ich als Koch und Küchenchef keine Lust mehr hatte auf die damals noch vorherrschende ‹Ambossmentalität› in der Welt der Küchen.» Er machte sich selbständig. «Handwerker gehen auf die Stör – ich dachte mir, wieso sollte das ein Koch nicht können?» Edwin Felder jedenfalls, er konnte es. Ein Jahr lang bekochte er auf Schloss Freudenberg, bei Lady Glower, Adlige, Politiker und sonstig gewichtige Geschäftsleute aus der ganzen Welt. Dort traf er unter anderen den damaligen CEO der Swissair, ICS/Prohotel Catering Gesellschaft, Herrn Scheidegger. «Diese Begegnung öffnete viele Türen.» Er wurde von der Swissair als Troubleshooter für «Food and Beverage Logistics» (Logistik von Essen und Trinken) engagiert. Sorgte für Ordnung und Reorganisation in vielen Küchen der Airline Catering Gesellschaften rund um die Welt. Führte neue Rezepte und Konzepte ein. «So lernte ich zahlreiche Kulturen kennen», sagt Felder. Und mit ihnen auch ihre Probleme: Die Apartheid in Südafrika, den Krieg im Nahen Osten … – «ich könnte stundenlang über meine Erlebnisse berichten». In «Culinary, Missionary» (deutsch: kulinarische Mission), einem über 500-seitigen Buch, hat er seine Geschichte aufgeschrieben.

Der Ausbildner von 300 Köchen
Ein separates Buch hat Edwin Felder über seine Zeit in Israel geschrieben. Oder eher: Zeiten. 1972 war er zum ersten Mal ein Jahr lang dort, um Hebräisch zu lernen. 1987 hatte er den grossen Auftrag einer israelischen Hotelkette, gemeinsam mit dem Ministerium für Arbeit und Tourismus einen Kochausbildungskurs nach schweizerischem Vorbild auf die Beine zu stellen. Während acht Jahren kam Edwin Felder jeweils für die Wintermonate nach Israel. In dieser Zeit bildete er gut 300 junge Leute zu Köchen aus. «Das war eine immense Herausforderung.» Anfangs habe er so gut wie nichts von der jüdischen Mentalität verstanden. «Wussten Sie, dass es für eine jüdische Hausfrau 613 Regeln (Mizwot, 365 Verbote / 248 Gebote), zu beachten gibt? Ich weiss es jetzt.» Denn: «In den Grossküchen hatte man diese Vorgaben ebenfalls peinlichst genau zu beachten.»  

Der einsame Luxus-Wolf
Wie kam Edwin Felder zu so unglaublichen Aufträgen? «Sie fragten mich immer ‹Herr Felder, trauen Sie sich das zu?›.» Und Herr Felder? «Der sagte Ja. Jedes einzelne Mal.» So kam es dazu, dass er an der Weltausstellung 1985 in Tsukaba, Japan, die ganze Verpflegungs-Logistik des Schweizer Pavillon unter sich hatte. Oder dass er für Nachtzüge in ganz Europa ein Catering-System konzipierte. «Manchmal war ich am Tag dreimal im Flugzeug.» Am Morgen von London nach Amsterdam, nachmittags in Bremen, von dort aus über Frankfurt in die Schweiz. Am nächsten Tag: Rom, Neapel und zurück. «Diese aufregenden Jahre hatten seinen Preis.» Keine Partnerin, keine Familie, kein konstantes Umfeld. War er nie einsam? «Oh doch. Ich nannte mich selbst Lonely Wolf, 5 Star deluxe.» Ein einsamer Wolf in einer Luxus-Umgebung. «Doch ich war ein Abenteurer, und dies ist der Preis dafür.»

Der Heimkehrer
Irgendwann hatte er jedoch genug Abenteuer, genug fremde Hotelzimmer, genug wechselnde Arbeitsorte gesehen. Nach 24 Jahren rund um den Globus, kehrte Edwin Felder zurück in die Schweiz, wurde sesshaft, arbeitete die 15 Jahre bis zu seiner Pension als Key Account Manager bei der Franke/Salvis Verpflegungstechnik AG. 2014 trat er seine Pension an. «Das war erst ein Schock für mich», erzählt er. «Ich brauchte gut drei Jahre, um mich daran zu gewöhnen – seither geniesse ich jedoch jede Minute davon.» Er nutzt die Zeit, um zu tun, auf was auch immer er Lust hat. Etwa: Schreiben. «Die Willisauer Gschechtli liegen mir dabei besonders am Herzen.» Wieso? «Sie zeigen: Um Einzigartiges zu erleben, muss man nicht unbedingt in die weite Welt hinaus – sondern manchmal nur vor die Haustür.»

Chantal Bossard

 

De Cestbiengu vo de Hecht Schmette

WILLISOUER GSCHECHTLI De Fredou Hecht, en körperlech imposanti Person, emmer med Lederschorz schwarzem Grind ond met sinnere donnerndi Stimme handierend, das esch de Städtli Schmid vo Willisou gseh. I dere Schmitte, grad zwösche em Schuehmeyer ond de Sonne gläge, hed är sine Burechonde ond erne Ross mächtig chönne de Marsch blose. Undiplomatisch und doch i sim Innerschte Härzensguet, hed er eus Chend, ond ganz speziell mech trotz sim Gehabe eifach fasziniert. Wenn emmer möglech ben ech zo em öbere i die Schmitte ond ha dem Schauschpel biwohne, aber vor allem «Bischmöke» wölle. Vom Grabewäg här bis före, das heisst genau bes vis a vis vom Paulus Bronne esch sini Butig nome ei abfallende Schluch gseh.

Vom Grabewäg zor Sonnsite is Städtli eifach, das esch en passable Schlichwäg gseh för eus Chend, wenn eusi Muetter ere «Heichopfiff» us em Fenster blose hed. S Risiko, dass mer vom alte Hecht verwötscht worde wärit, esch zwor do gseh, das hemmer aber i Chauf gno. Em hendere Teil vo de Schmitte hed es Platz för maximal vier Ross gha. Massivi Holzplange, als Unterlag vo dene Stellplätz, hend de Ross d'Sicherheit bote, dass si während dem Bschlo en guete Stand hend chönne innäh. E chli witervore, uf de lingge Site esch die grossi Ess, med Cholereservoir ond Wasserbecki, zom Abschrecke vo de Hufise gstande. Das esch de Arbeitsplatz vom Josef, pardon Seppi oder wie mer alli en grüeft hend «Cestbiengu» gseh. Er, de Handlanger, Gemmer oder Bringmer Mönsch vom Chef, er esch en ganz bsondrige Ma gseh. Sis Markezeiche esch gseh, de Schlitzohrigi Blick, ond emmer e Cigarette im Mundwinkel wo är bes uf wenigi Milimeter abegraucht hed. Sin Mulegge esch debi med der Zyt emmer dünkler worde ond hed fascht die glichi Farb agno, genau wie sis med Cholestaub verschmierti, emmer schwarzi Gsicht. Schaffe ohni e Schlot im Mul, das hed es bem Cestbiengu ned gäh. Do hed är den e Linie gha. Nome ei Marke esch för en i Frog cho, nähmlech Parisienne rond, aber ohni Filter för füfenachtzg Rappe s'Päkli. Öppis anders het's ned gäh. S'Rauche, respäktivi s'Schlote hed zom Cestbiengu sinnere Läbeslideschaft ghört.

S'bsorge vo sinnere zwöiti Liebi im Läbe, täglech es par Fläsche Bier, esch de scho diffiziler gseh ond hed müesse guet zom Vorus planet si. Sin Chef, de Fredou, hed es de öppe gar ned gärn gseh, wenn er annere Fläsche Gärschtesaft umegmämmelet hed. Esch är med ere Bierfläsche vertwötscht worde so hed's de öppe gräpplet ond gsirachet, dass d'Wänd nome eso gwagglet hend. De Alfred hed's eifach gar ned gärn gseh, wenn de Cestbiengu de Gärschtesaft be eüs i de Sonne oder im Tübali obe esch goge bsorge. Ei Lichtblick hed es dennoch im Tagesablauf vom Cestbiengu no ghä. S'usdehnti Mittagsschlöffli vo sim Chef, hed em die grossi Chance bote, sin Vorrat a Gärschtesaft weder à jour z'bringe. Er hed si aber müesse guet verstecke, damit de Fredou si ned öppe findet oder gar usläre tuet. Genial aber e chli gwönigsbedürftig esch sis Tranksame-Versteck gseh. Under de Esse im Cholefach hed er e brandschwarzi Holzchischte platziert. Gross gnueg för sini Tagesration vo dem «heilige Gärschtesaft», ond zuedeckt med Flammchole förs täglech Füür. Uf de Ess die glüig Funke sprühende Hufise, bereit för e Zwöierschlag uf em Ambos. Under de Chole bereit, de wartendi ond prickelndi Gärschtesaft, um Schlock för Schlock bi de sech nöchscht bietende Glägeheit sini Kehle z'erfrösche. Chef ond Handlanger schaffe Hand i Hand as chönti nüd, aber au gar nüd, die Harmonie zerstöre. De Bsitzer vom Ross ond Buur, er hed die schwierigi Ufgab während em Usschnide vo de Huef ufzha. Noch em Usschnide chond s'Apasse vo de funkesprühende Hufise. Urplötzlech verwandlet sech de hinderi Teil vo de Schmitte in es chlises Rauch- ond Näbumeer. En Härzbetörende Duft, «s'Schmitte Eau de Cologne» esch am entstoh. Es feins Döftli, bestehend us em Gschmack vo frösch gschissne Rossbomele, gmischt med em «Odeur» vo dene uralte Urintränkte Holzblangge, ond letschtändlech als Hauptzuetat s'Gschmäckli vo dene brönnende Huf. Das hed de die goldig, jo fascht söchtig machendi Mischig, förs «Eau de Schmitte» härgä. Nor eis hed das i de Auge vom Cestbiengu no chönne tope. Es Bier us sinnere Holzchischte ond wenn das prickelnd ond schümend Nass dör sini Kehle  hed chönne aberütsche, sobald de Alti bim Z'vieri med sim Gascht hocked. …esch de C’estbiengi einisch guet ideckt gseh, met Tranksame ond dene ronde Speuz verursachende Zigis, so esch d'Wält för en weder in Ornig gseh. Nüd me hed siner Lune chönne trüebe.

Gschaffed hed är die ganzi Woche vom Mäntig bes am Samschtigmittag vom frühne Morge bes am spötere Obig ohni Unterlass. För en wechtig esch nome gseh, dass de Gärschtesaft gflosse esch ond em Zigis nie usgange send. Z'Chele- oder i Usgang am Sonntig, das hed är ned för nötig ghalte. Ech ha en nie Gsonntiged innere Beiz gseh hocke, om öppe sis wohlverdiente Wocheänd z'gniesse. Nei, au am Sonntig esch är med sim verdreckte «Blauma», aber emmer med emene frösch gwäschne Hömli, i de hendere Schmitte be offne Tör ghocked ond hed gedoldig gwartet bes eis vo üs Chend verbi cho esch. «Gosch mer gschnöu is Tübali ue ond …» Das sind die gflöglete Wort vom Sonntig-Nomitag gseh, wo sini Wält weder id Ornig brocht hed. Es esch eim e so vorcho, dass de Cestbiengu nomme druf gwartet hed, dass es Mäntigmorge wird ond är weder cha afo «Bloche».

Edwin Felder

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Blum

Sa 23.01.2021 - 13:38

Ein Genuss zum Lesen - man sieht die Leute und riecht die Gerueche i de Schmette z Willisau - Wunderbar !
Ein sehr talentierter Schreiber ist da am Werk - gratuliere herzlich.....und bitte .... weiter schreiben !

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