Das Ei, das Ewige

OSTERBILD Marlis Müller- Bürli ist fasziniert vom Ei. Die ovale Form ist auf so einigen Werken der Grosswanger Künstlerin zu finden – auch auf vielen von ihren neuen kleinformatigen Arbeiten. Buchstäblich ei-nzigartig.

Die Grosswanger Künstlerin Marlis Müller-Bürli. Im Hintergrund ein Gemälde von ihr. Foto Chantal Bossard

Frühling. Neubeginn. Die Menschen schütteln den Winter von den Schultern, werden aktiv. Im Garten werden junge Sprossen gehegt und gepflegt, in der Küche der Bärlauch geschnitten, im Bandraum schmetterlingsleichte Melodien gespielt. Und im Atelier den Pinsel in die Farbtöpfe getaucht, um das neue Licht zu malen, um nicht das Vergehen, sondern das Werden, welches der Frühling mit sich bringt, festzuhalten. Auch Marlis Müller-Bürli tut das. Sie malt Eier

Ei-nzigartigis Osterbild: die postkarten-grossen Werke der Grosswanger Künstlerin Marlis Müller-Bürli zieren die Titelseite der WB-Osterausgabe. Fotos zvg

Ei, ei, ei, das Ei
«Das Ei symbolisiert eine Urkraft, die besonders im Frühling stark spürbar ist», sagt Marlis Müller. Die 66-Jährige sitzt in ihrem hellen Atelier in Grosswangen. An den hohen Wänden stehen Regale, gefüllt mit Farbtuben, Kreiden, Tinte, Stempeln, Pinseln, Federn, Stiften und vielem mehr. Überall reihen sich kleine Werke, in der Ecke lehnen grosse Gemälde. Doch egal wo, überall sieht man es wieder: das Ei. Aus Ton geformt, in Kartenformat, auf Leinwand, mit oder ohne Mode-Tüpfchen drauf, als suchende Linie oder ganz klar erkennbar – Ei, Ei, Ei. Aber wieso? «Es ist ein Lebenssymbol», erklärt Marlis Müller. Das Ei umschliesse werdendes Leben, zeige den Lebenskreis nur schon in seiner Gestalt ohne Anfang und Ende. «Ich staune immer wieder ab diesem Sorgfältigkeitswerk.»
Die Faszination am Ei packte die Malerin schon früh. «Bereits als Kind erfreuten mich die Eier – und allgemein die Natur, zu der ich noch heute eine tiefe Verbundenheit spüre.» Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Fischbach, beobachtete sie mit Vergnügen das Geschehen auf dem Hof. Sie sammelte die Eier aus den Nestern. Ganz behutsam, schliesslich mussten sie für den Vorrat vollkommen sein. «Eiergerichte, ob süss oder salzig, waren bei uns stets Delikatessen und zuoberst auf dem Speiseplan», sagt Marlis Müller. In der dritten Klasse thematisierte ihr Lehrer das Ei und liess seine Schülerinnen und Schüler Ostereier malen. Farbige Eierzeichnungen an den Schulzimmerwänden – eine starke Erinnerung. Denn diese enthält sogleich zwei ihrer Leidenschaften: das Ei und die Malerei

Hennenarbeit. Foto zvg

Das hingewehte Blatt
Wer Marlis Müller begegnet, der merkt bald: Hier ist eine kreative Seele am Werk. Ihre Begeisterung für alles Gestalterische ist riesig. Die Augen leuchten, wenn sie von neusten Ideen berichtet. Fast schon beiläufig erwähnt sie, dass die getöpferte Schale, die zum Kaffee Schoggieier (Eier, einmal mehr!) serviert, aus ihrer Hand stammt. Dass sie Stempel selbst herstellt, Kleider eigenhändig näht, Schriften neu erfindet. Immer wieder steht sie auf, um ihre Atelierarbeiten auf dem Tisch auszubreiten. Farben und Formen sind ihre Welt. Waren es schon immer. Und doch ist die Kunst stets ein Hobby geblieben. Ihr beruflicher Weg war ein komplett anderer: Sie absolviert die Kaufmännische Lehre bei einer Bank in Zell, anschlies­send stieg sie in die Berufswelt auf der gleichen Bank in Luzern ein. Nach der Heirat mit ihrem Mann Anton «Toni» Müller erfolgte schon bald der Umzug von Zell nach Grosswangen. Ab 1979 hilft Marlis Müller im CKW-Geschäft ihres Mannes mit – «eine intensive, aber vielseitige Arbeit nebst der Familie», reflektiert sie heute. Ihre freien Minuten nutzt sie, um allein oder mit der Familie zu handwerken und kreativ zu sein. 1993 besucht sie einen Aquarellkurs, wagt erste Gehversuche in einem Stil, den sie später jahrzehntelang ihren eigenen nennen wird. Im gleichen Jahr verstirbt ihr Vater. Zu seinem Andenken und ihrer eigenen Verarbeitung malt Marlis Müller ein Kastanienblatt, welches ihr vom wilden Herbstwind vor die Füsse geweht wurde. Daneben zeichnet sie fünf Kastanien, eine für jedes Kind der Familie Bürli. Das entstandene Gemälde schafft es auf die Karte mit der Danksagung nach der Beerdigung – und in die Herzen der Leute. «Viele haben wohl noch nichts von meiner kreativen Seite gewusst – das änderte sich nach der Beerdigung meines Vaters.» Eine Tür schliesst sich. Eine andere öffnet sich. Mit einem starken inneren Feuer besucht Marlis Müller in den kommenden Jahren ab und zu Zeichen- und Aquarellkurse, viele davon in der Gestaltungsschule Farbmühle Luzern. Der Austausch mit Gleichgesinnten, die Inputs von Expertinnen und Experten: «Bereichernd!» Nichtsdestotrotz ge­niesst sie es, nach ihren Vorstellungen zu malen. «Strenge Vorgaben sagen mir nicht zu», sagt sie. Viel lieber lotet sie die Grenzen aus, spielt mit Farben, Formen, Freiheit.

In aller Munde
Marlis Müllers unverkennbarer Stil: Er ist bald in aller Munde. Wortwörtlich: Die Grosswangerin illustriert das berühmte Kochbuch «Luzerner Bäuerinnen kochen». Die Bücher gehen weg wie warme Weggli, nicht nur kantonal, nicht nur national – nein, gar international sorgt das sorgfältig illustrierte Buch für Furore. «Ich bekam viele Rückmeldungen», erzählt Marlis Müller. Nach der Veröffentlichung des Buches überhäufen sich kurzfristig die Anfragen an sie. «Doch das Malen und Zeichnen soll Leidenschaft bleiben – ich mache nur, auf was ich Lust und Zeit habe.» Es entstehen Grusskarten, Plakate, Bilder – auch die Illustrationen der «Jodel-Lehrmittel» von Nadja Räss und Franziska Widmer und kürzlich die «Jodel-Literatur für mehrere Stimmen» von Nadja Räss. «Gerne versinke ich in ein Thema, verbildliche es mit Farben – das ist stets ein beglückendes Erlebnis.» Nicht immer gelinge ihr das beim ersten Anlauf. «Dann braucht es einen neuen Schritt und weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.» Nicht selten sorgen ihre Grosskinder für frischen Wind im Atelier. «Zu sehen, wie unbeschwert sie sich im Atelier ihre Lieblingsfarben auswählen und spontan losmalen, ist immer wieder eine grosse Freude.» Oder auch: «Ein nützliches Training für beide Gehirnhälften für Gross und Klein.»

Illustration auf der Titelseite des Jodellehrmittels von Nadja Räss. Foto zvg

Bilder im Kleinformat
Die neuen Arbeiten von Marlis Müller sind anders. Mit Ölfarbe aufgetragen, Schicht um Schicht, entstehen interessante Farbnuancen. Die Überlagerungen verleihen dem Bild Tiefe und einen samtigen Eindruck. Entstanden sind die postkarten-grossen Bilder über die letzten drei Jahre hinweg. Erst kürzlich zeigte sie eine Auswahl davon am Grosswanger Kunstparcours «Blickpunkt», welcher vom Kulturkreis geplant wurde, bei dem sie selbst auch Mitglied ist. «Es war bereichernd, meine etwas anderen Werke der Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen», sagt Marlis Müller. «Tagebuch- oder Seelenbilder» nennt sie diese. Farbige Bildgeschichen, die ganz klar die Handschrift der Künstlerin tragen, wie ein Blick auf den grossen Tisch in ihrem Atelier zeigt. Darauf hat sie etliche Tagebuchbilder während des Gesprächs ausgebreitet – Hühner, Hasen, Blumen, Blätter. Und: Eier zum Frühling.

Chantal Bossard

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