WB-Gspröch

Wir wollen und können selbständig bleiben»

«Klein, aber oho» sei ihre Gemeinde und weiterhin fähig, selbständig zu bleiben. So urteilt Erika Oberli-Gut, die nach zehn Jahren das Präsidentenamt abgibt und Frauen empfiehlt, in Räten mitzuarbeiten.

Erika Oberli-Gut. Foto Norbert Bossart

Warum haben Sie einst zum Präsidialamt Ja gesagt?

Eine Gemeinde kommt nicht weiter, wenn alle abseits stehen. Ich wollte die Zukunft meines Wohnorts mitgestalten. Mit Parteipolitik hatte ich all die Jahre nichts am Hut. Mir lag einzig das Dorf Alberswil am Herzen.

 

«Erika Oberli hat Interesse an der Gemeinde und am politischen Geschehen sowie Feingefühl und Erfahrung im Umgang mit Menschen». Mit diesen Attributen nominierte Sie die CVP 2010 fürs Gemeindepräsidium. Reichen diese Trümpfe, um erfolgreich zu amten?

Zumindest, um eine kleine Gemeinde wie Alberswil zu führen. Nötig ist «s'Gspöri» zu haben für die Anliegen und Sorgen der Einwohnerinnen und Einwohner, ohne dabei das Gesamtwohl aus den Augen zu verlieren. Du musst die Menschen mögen und dich in die Aufgabe hineinknien, dann kommt es gut. Eine Präsidentin muss weder eine Allwissende noch eine Alleskönnerin sein. Doch bei Unklarheiten gilt es, die nötigen Infos einzuholen. Es gibt nichts Schlimmeres, als auf Bürgerfragen halbbatzige Antworten zu geben. Bei offenen Fragen konnte ich stets auf die Unterstützung der Gemeindeschreiberin und ihrer Mitarbeiterin zählen. Dies war wertvoll.

 

Je länger im Amt, desto einfacher fiel der Präsidentin die Arbeit?

Ja, ich bin an meiner Aufgabe gewachsen. Immer wieder habe ich Erfahrungen und Lehrblätze gemacht, die bei weiteren Entscheidungen wertvoll waren, zu mehr Dossiersicherheit beitrugen. Es ist sinnvoll, wenn die Mitarbeit im Rat mindestens zwei Amtsperioden dauert. Denn je grösser der Erfahrungsschatz, umso effizienter lässt sich eine Gemeinde führen.

 

… so dürfen Sie Ihr Amt doch jetzt nicht abgeben, sondern müssten es weiterführen.

Stimmt eigentlich (lacht). Doch ich werde nicht jünger. Das spüre ich in meinem Job als Pflegefachfrau – mit zunehmenden Alter benötige ich mehr Erholungszeit. Die Demission verschafft mir den nötigen Freiraum. Und: Neue Kräfte, die für frischen Wind sorgen, tun jeder Behörde von Zeit zu Zeit gut. Auch in Alberswil. 

 

Sie sind keine Alberswiler «Eingeborene», sondern mit Ihrer Familie vor 27 Jahren zugezogen. Ein Vor- oder Nachteil für die Amtsführung?

Ein Vorteil, weil ich die Aufgabe völlig unbelastet angehen konnte. Denn ich hatte weder Kenntnisse von alten Alberswiler Geschichten noch von familiären Verbandlungen. 

 

Als Präsidentin gilt es den Anliegen der Bevölkerung Rechnung zu tragen, deren Sorgen wahrzunehmen und Lösungen zu erarbeiten.
Wie haben Sie den Draht zur Bevölkerung gefunden?

Indem ich an unserem Dorfleben teilnahm und regelmässig die Vereinsanlässe besuchte. Zudem bin ich in der Freizeit in der Natur unterwegs. Dabei komme ich hier und dort mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch. Es lohnt sich, die eigenen vier Wände zu verlassen – nur so kommen Kontakte zustande. 

 

Sie mussten den Rat führen und gleichzeitig im Team Konsenslösungen finden. Wie schwierig war dieser Spagat zu meistern?

Ich bin keine, die eine Sitzung mit der eisernen Hand führen kann, sondern eine Teamplayerin, die an die Selbstverantwortung appelliert. Auch im Rat. Mein Glück war es, dass ich mit Sozialvorsteher Josef Christen und Ammann Josef Häfliger über all die Jahre mit zwei Ratskollegen zusammenarbeiten durfte, denen Konsenslösungen ebenfalls am Herzen lagen. Wir sind drei grundsätzlich verschiedene Typen, haben aber selbst nach harten Diskussionen einen gemeinsamen Nenner gefunden. Ohne Machtspiele oder böse Worte. 

 

Was waren die Höhepunkte in Ihrer Präsidialzeit?

Deren gab es verschiedene, so etwa das Projekt «Alberswil blüht», die Einweihung des umgebauten Schulhauses samt neuer Pausenhalle oder die Eröffnung des neu gestalteten Spielplatzes.  Ein Meilenstein in meiner Amtszeit war die Eröffnung der Agrovision. Eine Vision – von vielen vorschnell als Illusion abgetan – ist heute Realität. Der Bio-Musterhof und seine Betriebe machen für unser Dorf beste Werbung. In guter Erinnerung bleiben mir zahlreiche gesellschaftliche Anlässe wie etwa der Seniorenausflug oder die Besuche bei Jubilarinnen und Jubilaren. Anderen Freude zu bereiten, sorgte bei mir selber für Freude.

 

Gab es auch Vorkommnisse, die Ihnen Sorgen bereitet haben?

Die Schliessung des Dorfladens, unserer einzigen Einkaufsmöglichkeit in der Gemeinde, und das Ende des Gasthauses Sonne. Dies sind grosse Verluste für unser Dorfleben. Doch die Schliessungen passen zum Zeitgeist. Heute kaufen weite Teile der Bevölkerung in grossen Einkaufszentren ein. Solche gibt es in unserer Nachbarschaft viele, sie sind schnell erreichbar. Und in der Gastroszene weht ein rauer Wind. Da und dort stehen Beizen leer oder werden geschlossen. Zum Glück haben wir mit dem Restaurant Delphinas und der Gaststätte Bauernhof Burg-rain weiterhin zwei Möglichkeiten vor Ort.

 

Alberswil wirbt mit dem Slogan «Dorf mit Stil». Warum?

Unsere Gemeinde ist in eine naturnahe Landschaft eingebettet. Dadurch sind Wohn- und Lebensqualität hoch. Trotz unserer Ländlichkeit sind wir zentral gelegen. Von Alberswil ist man schnell überall. Wir haben einen guten Zusammenhalt im Dorf. Bei uns wird das Miteinander gepflegt.

 

Alberswil = schöne, heile Welt?

Mit Blick aufs Weltgeschehen ist Alberswil tatsächlich immer noch ein Stückchen schöne, heile Welt. Unser Dorf ist beschaulich, überblickbar, lebenswert.

 

2011 begrüsste Alberswil seine 600. Einwohnerin und Sie liessen damals verlauten: «Wir müssen weiter zulegen. Ziel ist es, die 700er-Grenze bis 2020 zu knacken. Wir sind auf zusätzliche Steuereinnahmen angewiesen». Jetzt beträgt die Einwohnerzahl 657. Zufrieden?

Unsere Bevölkerungszahl ist zumindest gewachsen. Die Steuererträge fielen in den letzten Jahren immer höher als budgetiert aus. Ein weiteres Bevölkerungswachstum ist wünschenswert. Unsere heutige Infrastruktur würde für 700 Einwohner genügen. Zudem verfügt Alberswil über die nötigen Baulandreserven. 

 

Apropos Bauen. An Wohnmöglichkeiten für Neuzuzüger fehlt es nicht. Mit 7.46 Prozent hat Alberswil die kantonsweit höchste Leerwohnungsziffer, wie Lustat Statistik Luzern diesen Monat in einer Übersicht auswies. 

Diese hohe Leerwohnungsziffer bereitet uns kein Kopfzerbrechen. Denn sie gründet auf einem einzigen Neubau mit speziellen Wohnungen, von denen mehrere noch nicht besetzt sind. Sonst wäre die Alberswiler Leerwohnungsziffer wohl im kantonalen Mittel oder gar darunter.

 

Sie sagten während Ihrer Amtszeit mehrmals: «Ein qualitativ gutes Schulangebot im Dorf ist ein Trumpf im Standortwettbewerb». Jetzt führt Alberswil unter anderem wegen sinkenden Schülerzahlen die Basisstufe ein. Ohne den Zuzug von jungen Familien ist die Schule langfristig gefährdet.

Die Schülerzahl kann an einer kleinen Schule stark schwanken. Eine, zwei Familien mit Kindern mehr – und die Situation sieht wieder viel besser aus. Weil wir eine familienfreundliche Gemeinde sind, glaube ich an die Zukunft unserer Schule. Meine Zuversicht gründet auf der Tatsache, dass in den letzten Jahren etliche junge Alberswilerinnen und Alberswiler sesshaft blieben und eine Familie gründeten. So schicken bereits die Nachkommen von Zuzügern ihren Nachwuchs wieder zur Schule.

 

Ein anderes Problem, das bereits Ihre Amtsvorgängerin beschäftigt hat, ist weiterhin ungelöst: die enge Hauptstrasse,
ein Nadelöhr, das für gefährliche Kreuzungsmanöver und die Gefährdung schwächerer Verkehrsteilnehmer sorgt. 

Ein Lösung ist längst vonnöten. Doch der Gemeinde sind die Hände gebunden. Der Ball liegt beim Kanton. Unser Anliegen ist im Topf A der kantonalen Strassenprojekte. Es gibt ein Ausbau- und Sanierungsprojekt, das die Situation entschärfen soll. Dabei würde ein Teil des Kanals zugedeckt. 

 

Seit Jahrzehnten ist auch von einer Ostumfahrung Alberswil – Schötz die Rede. 

Ich bin skeptisch, dass diese je realisiert wird. Für eine solche Umfahrung fehlt doch schlicht das Geld.

 

2004 also sechs Jahre vor Ihrem Amtsantritt entschied sich Alberswil gegen eine Fusion mit Ettiswil und Kottwil. Rückblickend ein richtiger Entscheid?

Ja. Zu hundert Prozent. Alberswil geht es nach wie vor gut. Unser Dorf existiert und funktioniert. Wir können selber bestimmen und entscheiden, sofern es nicht übergeordnete Vorgaben vom Bund und Kanton gibt. Warum sollen wir unsere Unabhängigkeit aufgeben, wenn wir selber kutschieren können? Weshalb fusionieren, wenn keine Vorteile ersichtlich sind? Alberswil muss und wird so lange wie nur möglich selbständig bleiben.

 

Und Kooperationen?

Solche sind in jenen Bereichen mit unseren Nachbarsgemeinden zu pflegen, in denen sie Sinn machen. Das tun wir bereits bei der Oberstufe, der Feuerwehr oder der Musikschule. Doch Zusammenarbeiten müssen auf gleicher Augenhöhe gepflegt werden. 

 

Kehren wir zurück zum Alberswiler Alleingang. Ist dieser als bevölkerungsmässig viertkleinste Luzerner Gemeinde längerfristig möglich?

Ja – dies hoffe ich zumindest. Wie sagt man doch: «Klein, aber oho!» Das ist auch Alberswil. Wir haben schlanke Strukturen, eine gut ausgebaute Infrastruktur und wir haushalten kostenbewusst. Das zahlt sich aus. So konnten wir die letzten fünf Jahre lauter Abschlüsse mit schwarzen Zahlen vorlegen. Mit Mehrerträgen von rund 100 000 bis 200 000 Franken. Wir haben unsere Nettoschuld vollständig getilgt und sind momentan mit 44 Franken pro Einwohner im Plus. 

 

Je kleiner eine Gemeinde, desto schwieriger wird die Suche nach neuen Ratsmitgliedern.

Das muss nicht sein, wie das Beispiel Alberswil zeigt. Wir haben zügig das Präsidium und das Sozialvorsteheramt wieder besetzen können. Hauptgrund: Die Ortsparteien haben bei der Suche zusammengespannt. Die Bündelung aller politischen Kreise macht bei der Personalsuche Sinn. Im Rat sind fähige Köpfe, nicht Parteisoldaten gefragt. 

 

Sind Sie auch künftig an Gemeindeversammlungen anzutreffen?

Gewiss. Denn wieso sollte ich abseits stehen? Ich bin und bleibe Alberswilerin – das Dorf ist mir ans Herz gewachsen. Doch ich werde keine Entscheide des Rates öffentlich kommentieren oder gar kritisieren. Meine Ära endet und es beginnt eine neue. Mit neuen Kräften und neuen Ideen. 

 

Als Gemeindepräsidentin hatten sie ein 17-Prozent Pensum und haben wohl weit mehr gearbeitet. Was machen Sie ab September mit
der gewonnenen Freizeit?

Ich habe bereits mein Pensum als Pflegefachfrau von 50 auf 70 Prozent erhöht. Jahr für Jahr hatte ich viele Überstunden geleistet. Das neue Pensum entspricht meiner reellen Arbeitszeit. Wie bereits erwähnt, erhalte ich dank der Demission wieder mehr Freiraum. Ich möchte alles ein wenig geruhsamer angehen.

 

Das ist das letzte WB-Interview mit Erika Oberli in ihrer Funktion als Gemeindepräsidentin. Ihnen gehört das letzte Wort …

Die letzten zehn Jahre waren spannend, interessant und herausfordernd. Ich bin froh, dass ich dieses Amt ausgeübt habe. Denn ich habe einiges gelernt. Viele Begegnungen bereicherten mein Leben. Ein Amt auszuüben, kann ich nur empfehlen. Erst recht den Frauen. Sie können mit ihrer Art und ihrem Wissen die Gremien aufmischen. Mich freut es, dass in Alberswil gleich zwei neu dabei sind und damit erstmals im Gemeinderat für eine Frauenmehrheit sorgen. Schön wär es, wenn das Alberswiler Beispiel Schule machen würde.

Norbert Bossart

Auf Präsidentin folgt Präsidentin

Erika Oberli-Gut (59) wirkte seit Januar 2011 als Gemeindepräsidentin von Alberswil. Sie wurde von der CVP nominiert. Erika Oberli wuchs auf dem Hof Ludligen in Pfaffnau auf. Als Kind weilte sie ab und zu in Alberswil zu Besuch – bei ihren Grosseltern mütterlicherseits. Alberswil als Wohnort hat sie zusammen mit ihrem Mann Peter in einem Immobilienanzeiger per Zufall entdeckt. So zog die Familie Oberli 1993, also vor 27 Jahren, an die Allmend-strasse.

Erika Oberli ist ausgebildete Pflegefachfrau und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Nebst der Hausarbeit und dem 17-Prozent-Pensum als Gemeindepräsidentin ist sie derzeit in einem 70-Prozent-Pensum im Alterswohnzentrum Schlossmatte in Ruswil tätig. In ihrer Freizeit wandert sie gerne, fährt E-Bike, treibt Fitness, liest und pflegt den Garten.

Die Nachfolge von Erika Oberli tritt am 1. September die 32-jährige Corinne Albisser-Klingler (CVP) an, die mit ihrer Familie vor drei Jahren zugezogen ist. -art.

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