Anna Bucher-Kiener
Anna Bucher-Kiener
Hergiswil b. W., 1915–2012
Mama bat uns, keinen Lebenslauf über sie zu schreiben, und an ihren Wunsch halten wir uns. Darum sind die folgenden Worte persönlicher Art. Mama hat nie viel Wesen um sich und über ihr Leben gemacht. Aber für sie, die eine harte Jugendzeit erlebte, waren Frieden und Geborgenheit sehr wichtig. Ihr Herzensanliegen war es, ihre Pflichten in der Familie und im Beruf zu erfüllen und darin die Lebenszufriedenheit zu finden. Das gelang ihr in ihrer feinen und eben stillen Art.
Mit zwanzig Jahren heiratete sie Walter Bucher und zog 1935 in die Post Hergiswil ein. Als Frau Posthalter war sie während Jahrzehnten Vertrauensperson der ganzen Bevölkerung. Sie konnte zuhören. Mama behielt Freud und Leid für sich, vermittelte und gab viele gute Ratschläge. Mit ihrem Mann war sie für die Post-Kundinnen und -Kunden da. Es war also jene Zeit, als auf einer Poststelle wie Hergiswil noch alle PTT-Arbeiten geleistet wurden: Postschalter-Geschäfte, zweimalige Postzustellung pro Tag, Telegramme wurden angenommen und weitergeleitet, Telefongespräche gingen über die eigene Zentrale im Postbüro und mussten noch von Hand vermittelt werden, das Postauto musste abgefertigt werden, Busbillets wurden verkauft usw. Schwere Jahre waren die Kriegsjahre 1939–1945, als ihr Mann während Monaten Aktivdienst leisten musste und sie mit ihrer Schwägerin Berta und weiteren Verwandten für den ganzen Postbetrieb in Hergiswil verantwortlich war. Später entlastete und vertrat sie ihren Mann, während er Zustelldienst machte oder in öffentlichen Ämtern der Kirchgemeinde und der Gemeinde tätig war. Sie tat dies immer gern, denn die Arbeit im Postbüro bedeutete ihr sehr viel.
Mama wollte nie im Mittelpunkt stehen, aber für ihre Familie war sie immer da. Mama war die zentrale Person für ihren Mann und ihre Kinder Annelis, Walter und Werner. Schicksalsschläge blieben auch bei ihr nicht aus. Der frühe Tod ihres Mannes nach wenigen Jahren seiner Pensionierung traf sie hart, und den Tod ihres vierzigjährigen Sohnes Walter konnte sie nur in ihrem christlichen Glauben verkraften. Auch der plötzliche Tod ihrer Schwägerin Berta, kurz nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes, war für sie ein weiterer schwerer Schlag. Der Besuch der Gottesdienste, solange es ging auch im Altersheim St. Johann, war für sie die Möglichkeit, ihr Gottvertrauen zu stärken und Kraft zu holen.
Mit Unterstützung der Familie ihres Sohnes Werner, ihrer guten Nachbarn sowie der Spitex und weiteren treuen Helferinnen konnte sie bis ein halbes Jahr vor ihrem neunzigsten Geburtstag ihren Lebensabend in ihrem geliebten Heim, der Alten Post, verbringen. Das Daheim schätzte sie über alles. Hier pflegte sie ihr Gärtchen mit den Rosen und den vielen Kräutern. Hier konnte sie ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Handarbeit und besonders dem Gobelinsticken nachgehen. Gerne hörte sie Klaviermusik und war interessiert am Welt- und Dorfgeschehen. Sie fühlte sich in ihrem Haus geborgen und glücklich und hoffte, bis ans Lebensende dort zu bleiben. Doch ein Sturz im August 2004 brach diese Hoffnung. Mit einem Oberarmbruch musste sie ins Spital und von dort ins Pflegeheim eingeliefert werden. Das war ein schwerer Schritt. Die Altersschwäche liess es jedoch nicht mehr zu, in ihr geliebtes Heim zurückzukehren. Auch wenn sie im Altersheim St. Johann gut betreut und gepflegt wurde, hatte sie stets Heimweh nach der Alten Post.
Im letzten Jahr musste sie nochmals einen schweren Schicksalsschlag ertragen, als im Februar 2011 ihr zweiter Sohn Werner starb. In den letzten Jahren ist es um Mama still geworden. Wir mussten erleben, wie ihre körperlichen und geistigen Kräfte sie verliessen. Mama war oft traurig, weil sie sich kaum mehr mitteilen konnte. Es war nicht leicht für das Pflegepersonal im Altersheim und für uns, ihre Wünsche zu erkennen. Alle, die ihr bis zuletzt die Treue hielten, mit ihr beteten und ihr Zuneigung schenkten, gaben ihr Mut und Zuversicht.
Danke, Mama, für alles, was du uns vorgelebt hast: Deine Bescheidenheit, Deine Offenheit und Deine Liebe sind es, die nie vergehen werden. Liebe Mama, ruhe in Frieden.











